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Tangospieler

In seiner frühen Kindheit ein Garten

Verwirrnis

Ein Wort allein für Amalia

Christoph Hein:  Verwirrnis

Ffm 2018 (Suhrkamp) 304 S., 22 EUR

gelesen Dezember 2018

 

Einfühlsame Männerliebe

 

Homosexualität und ihre Darstellung in Buch und Film sind nicht gerade meine Favoriten. Umso mehr muss ich es Hein anrechnen, wie er mich in seinem Buch gefangen nimmt: Es ist die einfühlsame, genau beobachtende, stets aber diskrete Art, in der er die (Jugend)Liebe zwischen Friedeward und Wolfgang beschreibt. Ihre Kindheit und Jugend verbringen sie im katholischen Heiligenstadt. Der Chronist Hein gibt dazu in gewohnter Präzision Ort und Zeit genauestens an. Der Roman spielt in den Fünfziger Jahren in der DDR und endet mit der elenden Abwickelung der Universität Leipzig nach der Wende.
Nicht ganz ins Bild will Friedewards strenggläubiger Vater passen, der mit seinem "Siebenstriemer" glaubt, den Zögling auf den rechten Weg bringen zu müssen, indem er ihm die "widernatürliche Schweinerei" aus dem jugendlichen Körper peitscht. Eines der Buchfavoriten der beiden schwulen Jungs, den "Tonio Kröger", muss er aus der Schulbibliothek entfernen und verbrennen.

Mit "Tarnen - Täuschen - Mimikri" schaffen es die beiden, beim Studium in Leipzig ihren Neigungen nachzugehen. Dazu gehört auch eine Scheinheirat. Die Braut mit ihrer lesbischen Partnerin, einer Dozentin, bildet das weibliche Gegenstück zu den beiden Männern. Das Viergestirn, achtsam auf Tarnung bedacht, lebt weitgehend unbehelligt, in einer klassischen Nische. ....Zunächst! Schließlich geht es um Verrat, Erpressung, Stasi-Anwerbung, so dass die private Geschichte immer stärker den Geist der Realgeschichte atmet. Diese flicht der Autor in der ihm eigenen Lakonie ein. Kein Wort zuviel:

"Im ganzen Land hatte es einen kurzen, heftigen Aufstand gegeben, eine gewaltsame Rebellion, die erst mit dem Einsatz sowjetischer Panzer ein Ende fand. ..." (S. 126)

Köstlich sind zwei legendäre Professoren eingewoben: "Hegel auf Eden" und "Goethe höchstselbst", hinter denen sich Ernst Bloch und Hans Mayer verbergen, bei dem Hein selbst studiert hat. Man erinnert sich dabei an die Beschreibungen, welche Mayer in "Ein Deutscher auf Widerruf" zum Hörsaal 40 gibt!

Obwohl Friedeward sich selbst tötet ("Des allen müd bin ich gegangen." S. 299) - weniger wegen der Schwierigkeit als Homosexueller zu leben als wegen der Schäbigkeit, mit der die Treuhand die Universität abwickelt und dabei sein Schwulsein instrumentalisiert - endet das Buch doch versöhnlich. Das weiblche Gegenstück probt bei der Beerdigung, "eine Demonstration geradezu" (S. 303), die selbstverantwortete Freiheit. Die ältere Herlinde lässt sich von Jacqueline anstecken:

"Wir fliegen, Jackie, wir fliegen. (...) Mein Gott, ist das schön." (S. 304)

So schön, so wahr. Kein Wunder, dass es ausschließlich lobende bis euphorische Rezensionen gibt. Beispielhaft mag in der FR stehen (http://www.fr.de/kultur/literatur/verwirrnis-fast-ein-glueckskind-a-1560907,0#artpager-1560907-1).

Michael Seeger, 22. Januar 2019

 © 2002-2019 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 22.01. 2019