Michael Seeger

Rezensionen

Forum
Grass im Gespräch über die Entstehungsgeschichte

Zwei literarische Neuerscheinungen
des Jahres 2002

Martin Walser, Tod eines Kritikers. Roman, (Suhrkamp) Frankfurt a.M., 2002, 219 S. 19,90 EUR

ISBN: 3518413783

Günter Grass, Im Krebsgang
Eine Novelle, (Steidl) Göttingen 2002, 216 S. 18 EUR

ISBN: 3882438002

 
Tod eines Krebsgängers
 
zu zwei literarischen Neuerscheinungen ehemals großer deutscher Scherrrriftstellerrrr
 

An Martin Walsers neuestem Roman „Tod eines Kritikers“ war das interessanteste die Debatte vor der Veröffentlichung. Da tobten Injurien und Apologien um ein des Antisemitismus verdächtigtes Buch. Die besten  Beiträge dazu brachte die SZ im Frühjahr 2002. Für den Suhrkamp Verlag hatte sich die Querelle gelohnt. Sofort nach dem Erscheinungsdatum (26. Juni 2002) war der Roman ausverkauft.
   In solchen Fällen kann die Lektüre eigentlich nichts als Enttäuschung bringen. Der Roman ist nicht antisemitisch, er ist nicht anstößig, er ist einfach nur schlecht. Der Leser quält sich durch ein langweiliges und langweilig erzähltes Geschehen. Antisemitismus? Ist es antisemitisch, wenn auf über 200 Seiten zweimal erwähnt wird, dass der Kritiker Ehrl-König jüdischer Herkunft ist, weil dieser (Reich-Ranicki nachgestaltete) Kritiker ermordet wird. Die philosemitischen Verurteiler des Buches hatten wohl nur die ersten Seiten gelesen, daraus gar den Schluss gezogen, das Buch fordere geradezu zum Mord an Juden auf. Dass die jüdische Herkunft Ehrl-Königs für die Aversion des angeblichen Mörders überhaupt keine Rolle spielt, haben die Walser-Gegner wohl kaum wahrgenommen. Entgangen ist ihnen auch, dass diese literarische Figur gar nicht ermordet worden ist, sondern diesen Mord nur fingiert, um sich interessant zu machen.
   Dass die Kritiker den Roman offensichtlich nicht zu Ende gelesen haben, kann ich ihnen indessen nicht übel nehmen. Wie gesagt, das Buch ist schlecht, langweilig, uninterrrressant, trifft nie den Nerv des Lesers, ist eine literarische Abrechnung Walsers mir RR. Für den Leser taugt das Sujet nicht! Wirklich an keiner Stelle blitzt Walsers Erzähltalent auf, wie wir es etwa aus „Seelenarbeit“ kennen und bewundern.
Schlechter aber als das Buch waren dessen Kritiker. Political Correctness wird derzeit in Deutschland wohl so verstanden, dass weiterhin Juden immer nur als Opfer (des Holocaust) vorkommen dürfen. Deswegen durfte auch Möllemann die Regierung Scharon nicht kritisieren. Bei Walser war die Journaille wohl deswegen besonders hellhörig, weil der ja in seiner berüchtigten Frankfurter Friedenspreisrede sich gegen die Instrumentalisierung des Holocaust-Syndroms ausgesprochen hatte. Wie sich jetzt zeigt: zu Recht!
 
Ein anders Tabuthema greift der Literaturnobelpreisträger Günter Grass auf: Flucht und Vertreibung und die daraus entstandene menschliche Not als literarisches Sujet eines „Linken“, der das Thema besetzen und damit den Rechten enteignen will. Auch dies kann ich nicht anstößig finden.
   Novelle nennt der Großmeister sein Buch deshalb, weil als mehrere Erzählstränge und erzählte Zeiten verbindender „Falke“ das im Januar 1945 torpedierte Flüchtlingsschiff (ehemaliges KDF-Schiff) Wilhelm Gustloff fungiert. Kein lineares, spannendes Erzählen wie sonst bei Grass, sondern ein quasi archäologisches Freilegen verschiedener Geschichten. Mehr Geschichtsbuch als fiktive Epik kommt die Erzählung „der Zeit eher schrägläufig in die Quere ... nach Art der Krebse“ (S. 8). So erfährt der Leser viel über die Geschichte zwischen 1895 und 2002; der fiktive Gehalt der Novelle dagegen ist gering.
 
Was sind nun die Erzählstränge?
 
1.      das belastete Datum 30. Januar (Machtergreifung, Versenkung der Gustloff, Geburtstag des Ich-Erzählers)
2.      die Biografie des Schweizer NS Landesleiters Wilhelm Gustloff
3.      die Vita seines jüdischen Mörders David Frankfurter
4.      die Geschichte des KDF-Schiffes  „Wilhelm Gustloff“ bis zu seiner Versenkung als Flüchtlingsgsschiff
5.      die Geschichte des als Journalist daher kommenden Ich-Erzählers, der kurz nach der Versenkung des Schiffes geboren wurde
6.      die Geschichte der Tulla Prokriefke, der Mutter des Ich-Erzählers
7.      die Geschichte des russischen U-Boot-Kommandanten Marinesko, der die Gustloff versenkte
8.      die Geschichte des Konrad Prokriefke, Sohn des Ich-Erzählers, der eine Webseite „www.blutzeuge.de“ betreibt, gemäßigt rechtsradikal (die NS-Linke als Vorbild) ist und seinen sich als Juden David ausgebenden Chatt-Freundfeind Wolfgang Stremplin ermordet
9.      die Geschichte des kollektiven (Nicht)-Erinnerns im Dritten Reich, in der SU, der DDR, der BRD, Israels
10.  die Geschichte des als allmächtig und allwissend den Ich-Erzähler beauftragenden Über-Autors Grass, der hier geradezu hymnisch „Er“ genannt wird und aus dessen „Hundejahren“, „Blechtrommel“ und „Katz und Maus“ zitiert wird
11.  die Geschichte des Internets
 
   Alles ist stets mit dem Schiff verwoben, insofern eben Novelle, die in der „Gustloff“ ihr Dingsymbol hat. Alles sehr realistisch-historisch-politisch. Alles sehr belehrend. Einzig die Geschichte der Mutterfigur Tulla, die stark an Oskar Matzerats Großmutter erinnert, ist von literarischen Fleisch und Blut. Sie ist eine typisch Grasssche (Groß)Mutterfigur, lebt aus kaschubisch-erdigem Selbstverständnis und ist als angepasste(s) Mädchen/Frau Spiegel der deutschen Geschichte im Dritten Reich, der DDR und dem vereinten Deutschland. Insofern ist die Erzählung auch ein wenig das seit langem geforderte Wiedervereinigungsepos. Um Tulla herum findet Grass seine bekannte und beliebte sinnlich-barocke Sprache. Hier liegt ein echter literarischer Plot vor. Hier wird der Leser emotional angesprochen. Über die durchaus kunstvoll-architektonische Gesamtkomposition will keine rechte Freude aufkommen: „Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt.“ Dies gilt auch für manchen Konventionalismus, der auf dem Buch lastet: Man ahnte es schon: es müssen 9 Kapitel sein, eine doppelte Schwangerschaft symbolisierend: zum einen die Tullas, zum anderen die der „Kopfgeburt“, der Entstehung des Buches.
Was ist noch typisch Grass? Das „ewige Tier“ – im Titel und im Fuchspelz Tullas. Die „ewige Lehrerin“, des Ich-Erzählers „Ehemalige“, Gabi. Die lüsterne Schilderung einer Geburt (vgl. Blechtrommel).
   Ist es nun ein Verdienst des Autors, dass er ein bisheriges Tabu-Thema, Flucht und Vertreibung, literarisiert hat? Gewiss! In dieser Hinsicht steht er dem Friedenspreisredner Walser nahe. Aber mit welchen Winkelzügen macht er das? Auch Grass ist schüchtern, huldigt der Political Correctness und schiebt zu seinem Unterfangen diesen journalistischen Ich-Erzähler, eine mittelmäßige Figur, vor. Störend finde ich, wie Grass als epischer Übervater dennoch im Hintergrund steht, fast schon wie ein Gott „ER“ genannt wird. Dass Grass stilistisch zu seinem Sujet so auf Distanz geht, evoziert eine nervende Rede im Konjunktiv der indirekten Rede. Statt hier diese Konstruktion weiter zu beschreiben, möge der Leser im Originaltext sich ein Urteil bilden.
Das 4. Kapitel etwa beginnt so (S. 77f):
Bei einem der von ihm eingefädelten Treffen, die er Arbeitsgespräche nennt, bekam ich zu hören: Eigentlich müsse der Handlungsstrang, der mit der Stadt Danzig … verknüpft sei, seine Sache sein. Er und kein anderer hätte deshalb von allem, was das Schiff angehe, die Ursache der Namensgebung und welchen Zweck es nach Kriegsbeginn erfüllt habe, berichten und also vom Ende auf Höhe der Stolpebank kurz- oder langgefaßt erzählen müssen. Gleich nach Erscheinen des Wälzers „Hundejahre“ sei ihm diese Stoffmasse auferlegt worden. Er – wer sonst? hätte sie abtragen müssen. Schicht für Schicht. …
Leider sagte er, sei ihm dergleichen nicht von der Hand gegangen. Sein Versäumnis, bedauerlich, mehr noch: sein Versagen. Doch wolle er sich nicht rausreden, nur zugeben, daß er gegen Ende der sechziger Jahre die Vergangenheit sattgehabt, ihn die gefräßige, immerfort jetztjetztjetzt sagende Gegenwart gehindert habe, rechtzeitig auf etwa zweihundert Blatt Papier …  Nun sei es zu spät für ihn. Ersatzweise habe er mich zwar nicht erfunden, aber nach langer Sucherei auf den Listen der Überlebenden wie eine Fundsache entdeckt: Als Person von eher dürftigem Profil, sei ich dennoch prädestiniert: geboren, während das Schiff sank. ….
   Uneigentliches Erzählen möchte ich das nennen, enttäuschend bei einem Autor, dessen sinnlich-direkte Fabulierkunst wir ja kennen. In diesem uneigentlichen Erzählen ist das jüngste Buch des Literaturnobelpreisträgers dem jüngsten des Frankfurter Friedenspreisredners verwandt.
Für uns Leser sind es zwei Enttäuschungen.
 
Michael Seeger, im Oktober 2002

 
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1) 07. November 2002
 
Sehr geehrter Herr Seeger,
 
mit Interesse habe ich Ihre Rezension zu Günter Grass' neuestem Werk "Im Krebsgang" im Internet gelesen. Ihrer literarischen Wertung der Novelle kann ich freilich nicht zustimmen. Das Konstruktionsprinzip der verschiedenen Erzählebenen, die sich im Verlauf der Handlung zunehmend als komplementär zueinander erweisen und sich daher am Ende auch immer stärker durchdringen, finde ich sehr gelungen.  Dadurch dass Grass sich dem Gustloff-Thema aus mehreren Perspektiven "im Krebsgang" nähert, ist seine Novelle eben gerade nicht dogmatisch oder oberlehrerhaft, weshalb ich Ihren Vorwurf, alles sei "sehr belehrend", nicht teilen kann. Dass die historischen Fakten sehr genau und gut recherchiert sind, empfinde ich nicht als störend bei der Lektüre. Grass geht zu seinem Sujet ja keineswegs auf Distanz; das Spiel zwischen dem Ich-Erzähler und dem "Alten" als Kontrollinstanz im Hintergrund würde ich eher als ein stilistisches Mittel sehen, mit dem Grass das "Versäumnis", nicht früher über die Geschehnisse berichtet und das Thema den (nicht grundlos häufig des Revanchismus bezichtigten) Vertriebenenverbänden überlassen zu haben, sprachlich geschickt reflektiert. Schon der Beginn der Novelle ist wie in Stein gemeißelt: "Warum erst jetzt, fragte jemand, der nicht ich bin". Von "uneigentlichem Erzählen" kann hier keine Rede sein! Da die historische Ebene in die private familiäre Gegenwart Paul Pokriefkes und seines Sohnes Konny hineinwirkt, kann man auch nicht über einen Mangel an fiktivem Geschehen klagen. Im Gegenteil ist meiner persönlichen Ansicht nach "Im Krebsgang" auch aus dem Grund so fantastisch gelungen, dass sehr spannend und zielstrebig im Hinblick auf die beiden dramatischen Höhepunkte - den Untergang der "Gustloff" und den Mord an Wolfgang Stremplin - hin erzählt wird, was den neuen Grass zu einer gut geeigneten Schullektüre macht - nicht zuletzt auch, weil die Generation von Konrad Pokriefke und Wolfgang Stremplin ein großes Identifikationspotential für die SchülerInnen darstellt, das die Thematisierung der Gegenwartsrelevanz von Geschichte und des Problems des Rechtsradikalismus ermöglicht. Daher sollte man "Im Krebsgang" nicht als "Enttäuschung" abtun, sondern gerade auch für den Deutschunterricht fruchtbar machen. Zu einer differenzierteren Sichtweise kann das Buch mit seiner Vielschichtigkeit (Frankfurter, Marinesko, Tulla Pokriefke...) allemal beitragen. Und das sollte man bei diesem wichtigen Thema nicht ignorieren, denn wir wissen ja: "Das hört nicht auf. Nie hört das auf."

In der Hoffnung, die eine oder andere Anregung zu Ihrem Internet-Auftritt geben zu können, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

T. Wiese, Universität Osnabrück

2) 21. Februar 2003

Ich habe mit Interesse deine Kritik zu Walser gelesen - der ich bis ins letzte Komma zustimme: Ich hatte sogar den Verdacht, dass Walser "absichtlich" ein schlechtes Buch schreiben wollte. Kann man seinen Erzählstil so verlieren? Zu Grass kann ich nichts sagen, ich habe das Buch nach ein paar Seiten weggelegt - es war mir zu verquast!

Dr. Felix Emminger, LBI Santiago de Chile

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