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Thomas Brasch

Vor den Vätern sterben die Söhne

© 1977 Rotbuch Verlag Berlin / Bibliothek Suhrkamp, Berlin 2018

ISBN: 978-3-518-24187-5

135 S. 14,00 EUR

gelesen Januar 2022

Autor

 

Was für ein kreativ-dramatisches Leben!

 

Es ist wieder wie bei Zweigs "Schachnovelle", Seghers' "Transit", Kästners "Fabian", Brechts "Dreigroschenroman", Döblins "Berlin Alexanderplatz" oder Lenz' "Deutschstunde": eine gelungene Literaturverfilmung (mit den großartigen Darstellern Albrecht Schuch und Jella Haase) lässt mich nach dem Kinoerlebnis zum (schwer lieferbaren) Buch greifen und führt zur flotten Lektüre des Werks.

Der doppelsinnige Titel der Erzählsammlung, mit dem Brasch nach seiner Übersiedlung aus der DDR in die BRD 1976 zu schnellem Ruhm im Westen gelangte, war mir bekannt, mehr aber auch nicht, auch nicht das unbedingte Leben des Autors am Rande der Gesellschaft: Sex, Rebellion, Schreibobsession, Drogen, Poesie - was für ein aufregendes Leben!

Andreas Kleinert gestaltet in seiner Filmbiographie das im Buch aufblitzende chaotische Leben des Autors authentisch nach. Rosenau, Ramtur, Pohland heißen die Figuren aus der Dreherei, welche das ganze Elend der Proletarier im Arbeiter-und-Bauern-Staat verkörpern. Wer diese kurzen Episoden aus dem DDR-Alltag mit seinen allgegenwärtigen Aparatschiks und Stasi-Typen liest, kann nur zynisch lachen, wenn Ex-DDRler immer wieder schwadronieren "Wir hatten eine schöne Jugend!".

Es bleibt mir bei der Lektüre der Atem stehen. Die erzählte indeologisierte Brutalität des Systems und böse Gemeinheit der KollegInnen macht mir erneut bewusst, welche Gnade der westlichen Geburt mir zuteil wurde.

Wer Braschs Wirklichkeit erkunden will, hole kräftig Luft und lasse sich auf eine beklemmende Lektüre ein - oder gehe ins Kino. Aber auch dort gibt es nichts zu lachen!

"Nachtschicht macht munter, sagte Kirsch.
Bin ich tot, sagte Fastnacht. Ich habe mich doch aufgehängt.

BIN ICH TOT.

Spann das Teil ein, schrie der Meister, du hast lange genug Schonzeit gehabt." (S. 113)

Katja Lange-Müller glaubt aber, im Nachwort darauf bestehen zu müssen, dass es sich bei Brasch nicht um DDR-Literatur handele, sondern um Dokumente "entfremdeter Arbeit" - quasi ontologisch.

Michael Seeger, 20. Januar 2022

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