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Cover SZ-Bibliothek

 

Siegfried Lenz

Deutschstunde

Hoffmann und Campe Hamburg 1969 (SZ-Bibliothek 2004) 490 S.

ISBN 3-937793-29-1

gelesen Oktober 2019

 

Lenz

"Die Freuden der Pflicht" ....

vermitteln nicht unbedingt Freuden beim Lesen

 

50 Jahre lang einen Dauerbestseller mit Millionenauflage nach seinem Erscheinen 1968 nicht gelesen! Geht das? Mir ging es wie bei "TRANSIT", dass ich nämlich der erneuten Verfilmung (durch Schwochow 2019) bedurfte, um endlich zum Buch zu greifen. Schwochow hat das Geschehen stark auf wenige Personen verdichtet: die Familie Jepsen (stark: U. Noethen) samt Ich-Erzähler sowie den Maler Nansen (blass T. Moretti) samt seiner Frau (J. Wokalek). Bettina Schulte verfasste eine treffende Filmkritik. Bei Lenz dagegen ist das Geschehen ausufernd - und wieder einmal möchte ich rufen: "Zu viele Seiten"!

Sicherlich verdankt der Roman seinen (damaligen) Erfolg den Zeitläuften, dem Aufstand der Söhne gegen die Nazi-Väter 1968 ff. Auf den vielbeschrieben Inhalt gehe ich hier nicht näher ein.

Die Erzählperspektive ist reichlich konstruiert. Eigentlich will der Insasse der Besserungsanstalt auf der Elbinsel Hahnöfersand in seiner Deutsch-Strafarbeit das schreckliche Pflichtgefühl seines Vaters, des Dorfpolizisten Jepsen, aufarbeiten. Je länger je mehr entgleitet diese Konstruktion dem Autor, wenn er etwa in Kapitel 16 (S. 395ff) dieses Unterfangen völlig aus den Augen verliert und einen neuen Themenblock aufschlägt. Nervig sind die unvermittelt auftauchenden Leser-Adressierungen (S. 379, 442, 463): "Denken Sie" (wer ist das?) "ein flaches, ebenerdiges Holzhaus ...." (S. 463). Erzähltechnisch ebensowenig konsistent ist es, wenn die personale Erzählhaltung plötzlich ins Auktoriale wechselt: ""Aber bleiben wir im 'Wattblick' ...." (S. 143). Im wesentlich läuft es narratologisch so: Immer wieder lässt der Ich-Erzähler seine Erinnerung wie in einem Film quasi als rhapsodischer Magier voluntaristisch (vor wem, vor uns Lesern oder vor sich selbst?) auftauchen:

"So, und jetzt lasse ich vier unterschiedlich gewachsene, sehr unterschiedlich gekleidete und auch dreinblickende Männer aussteigen ...." S. 386)

Gerne hätte man erfahren, wie der ältere Bruder Klaas nach Selbstverstümmelung und Bauchschuss bei britischem Stuka-Angriff überlebt hat, so dass er schließlich in der Nachkriegszeit - quasi anarchistisch in HH lebend - einen Photo-Preis erhalten konnte.

Der Grund für die Einlieferung Siggis in die Besserungsanstalt wird weder narrativ noch psychologisch hinreichend ausgebreitet. Die Straftat ist ja ein obsessiver mehrfacher Bilderdiebstahl von Werken Nansens (der in der Erzählung dann nach einer Nachkriegsvernissage auch sang- und klanglos verschwindet):

"Ich wollte das Bild nur in Sicherheit bringen; ich wollte es fortbringen, an einen Ort, den ich selber noch nicht wußte, nur weg von hier, wo es aufflammen konnte jeden Augenblick." (S. 411f)

Völlig missraten ist - aus heutiger Sicht - Kapitel 19 "Die Insel", weil das gutgemeinte Moralin heute so nicht mehr erträglich und auch nicht mehr aufklärerisch ist. Das ist immer dann der Fall, wenn literarisch zu viel gesagt wird:

"Aber etwas möchte ich fragen: warum gibt es nicht eine Insel und solche Gebäude für schwer erziehbare Alte. Haben die so etwas nicht nötig? ... Ich möchte nicht wissen, wie viele schlechte Gewissen hier rumlaufen ...." (S. 471f)

So wenig Schwochows Film uns heute etwas über zeitgenössische autoritäre Tendenzen vermittelt, so wenig berührt uns heute Lenz' Nazi-Aufarbeitung. An der doch alles in allem bescheidenen sprachlichen Gestalt will auch keine echte Freude wachsen.

Und so gehört der Freund von Günter Grass und Helmut Schmidt doch nicht - wie schon immer vermutet - zu den ganz Großen.

 

Michael Seeger, 19. Oktober 2019

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