Michael Seeger Rezensionen

Mai Thi Nguyen-Kim

Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Wahr, falsch, plausibel?

Die größten Streifragen wissenschaftlich geprüft

Droemer München 2021

367 S., 20,00 EUR

gelesen Juli 2021

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Die erfolreiche Wissenschaftskommunikatorin verfehlt mit dem Buch das Format.

Vorsicht ist geboten beim Deutschen Buchpreis oder eben wie hier bei der Spiegel-Bestseller-Liste "Sachbuch".

Nicht zu Unrecht hat die Autorin - neben Christian Drosten - das Bundesverdienstkreuz für ihre Wissenschaftskommunikation erhalten. Stark ist Mai Thi in ihrem Youtube-Canal "maiLab". Warum muss die promovierte Chemikerin aber auch Bücher schreiben?

Gewiss, es ist flott formuliert; gelernt habe ich bei der Lektüre leider gar nichts. Wer in Corona-Pandemie-Zeiten wissenschaftlich motiviert das Geschehen verfolgte, weiß Bescheid. Das Buch ist unnötig - jedenfalls für jemanden wie mich. Das beginnt und endet vor allem mit dem verwendeten Sprachregister. Als sei ein Buch das Gleiche wie eine Video-Botschaft werde ich als Leser auf unerträgliche Weise salopp adressiert:

"Fragt mal eure Freunde." (S. 212) "Leute, krempelt die Ärmel hoch." (S. 221).

Wir lernen dann, dass es eine "Matschepampe aus Genen und Umwelt" (S. 239) gibt. Nicht immer haben wir "verdammtes Schweineglück" , vor allem, weil die "Scheißmasern" (S. 199) noch nicht ausgerottet sind. Da versteht man dann, dass Mai Thi "keinen Bock" (S. 211) mehr hat. Wenn sich Rassismus wissenschaftlich tarnt, "krieg ich echt Ausschlag" (S. 265).

Wie viele andere dem Zeitgeist verpflichtete AutorInnen muss sich Mai Thi auch an Thilo Sarrazin abarbeiten (u.a. S. 230). Ob sie ihn wirklich studiert hat, bleibt fraglich.

Vielleicht hätte die Chemikerin doch auch mal einen Grundgesetzkommentar quer lesen sollen, damit solcher Unsinn nicht erst zwischen die Buchdeckel kommt:

"Unsere Grundrechte ... dienen in erster Linie dem Allgemeinwohl" (S. 198).

Mit ihr kann ich nur bestätigend ausrufen:

Ja, "es ist verdammt schwierig" (S. 239)! Vor allem stilistisch schwierig, wenn man die burschikose Sprache eines Youtube-Canals ohne Überarbeitung zwischen Buchdeckel presst. Dort im viralen Netz - konnte man vielleicht posaunen, dass "Influenzaviren ... richtige Arschlöcher sind" (S. 180). Sie hat recht: "Wir haben den Salat" (S. 184)

Die Kernaussagen sind schön rot herausgehoben. Ich fühle mich in die Rolle eines Schülers versetzt. In der Bewerbung des Buches hätte man diese Lesergruppe adressieren sollen, dann wäre mir das Zeitopfer der Lektüre erspart geblieben.

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Besänftigend kann ich einwerfen, dass die schlimmsten Stellen aus Kapitel 5 (Impfungen) stammen. Dieses Kapitel scheint aus aktuellem Anlass schnell vor Drucklegung an das Manuskript drangeklatscht.

Was aber - auch mir - bleibt, ist das Statement:

"Wissenschaftliche Allgemeinbildung ist ein Impfstoff gegen Desinformation" (S. 338)

Michael Seeger, 11. August 2021

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