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Yuval Noah Harari:

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

(C H Beck) München 2018, 32020

528 S. 14,95 EUR

ISBN: 978-3-406 73968 3 gelesen August 2020

 

 

Geht es noch banaler?

Harari

Im Stile der Beratungsliteratur dekonstruiert der israelische Autor die gängigen "Erzählungen".


Was ist los mit mir? Was ist los mit der Welt? Immer häufiger steht mein Rezensenten-Urteil in schärfstem Kontrast zu den veröffentlichten Lobeshymnen. Stimmt mein Kompass nicht (mehr) oder ist die (Kritiker)Welt geradeso banalisiert wie der hier besprochene Autor? Zweifel über Zweifel! Und was ist los mit dem renommierten C H Beck-Verlag, der sich auf engstem Raum im Editorial gleich fünf Fehler leistet?

CH. Beck-Editorial

Ein so lektioniertes Buch sollte man eigentlich gar nicht lesen! Ich habe es dennoch durchgelesen und durchgelitten.

Pleonastisch ist der Text durchzogen von den Begriffen "Bauchgefühl (Wir entscheiden uns nicht rational, sondern emotional!), Emotionen, liberaler Erzählung". Überhaupt "Erzählung"! Harari, der Historiker, widmet sich intensiv den liberalen, kommunistischen, faschistischen, nationalistischen Narrativen, um sie zu dekonstruieren: Es gehe - wär hätte das gedacht? - im Kern um Macht! Wir denken nicht individualistisch, sondern in Gruppen: nationalistisch, religiös, tribulistisch determiniert, um "Teil von etwas Größerem" (S. 420) zu sein. Die Wahrheit der jeweiligen Erzählung wird von den Menschen, die Harari an vielen Stellen "Säugetiere" nennt (z.B. S. 421), bewiesen durch "Helden" - und wenn es an denen mangelt - durch "Opfer". Je größer das Opfer, desto größer die Wahrheit der Erzählung. Das größte Opfer ist Jesus Christus. Es kann doch nicht sinnlos (gewesen) sein, wenn man für eine Sache/Idee/Erzählung solche Opfer bringt! Der Martyrer ist also allen Erzählungen eingebrannt, so Harari.

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An vielen Stellen überborden die Alltagsbeispiele seine Thesen, so dass Hararis "Theorie" etwas Anekdotisches anhaftet. Was für Beispiele? Inquisition, Internet, Tesla, Instagram, Amazon, Netflix und der unvermeidliche D. Trump. Um moralische Dilemmata zu skizzieren, konstruiert Harari "Fälle" (vgl. S. 112ff), gegen welche die abstrusen Situationen, die vormals bei der Gesinnungsprüfung von Kriegsdienstverweigerern präsentiert wurden, geradezu seriös wirken.

Die größte Gefahr sieht Harari in der zu erwartenden "Verschmelzung von Biotechnologie und Informationstechnologie (S. 121ff). Unser Leben sei durchzogen, geprägt, überwacht durch allmächtige KI und Algorithmen. So häufig der Autor diese Begriffe jongliert, so wenig glaube ich, dass der Geisteswissenschaftler überhaupt versteht, was ein Algorithmus ist.

Aber - eine Stelle gefällt mir; warum? Weil sie meine Überzeugung abbildet:

"Soweit wir wissen, ist es tatsächlich so, dass keine der abertausend Erzählungen, die verschiedene Kulturen, Religionen und Völker im Verlauf der Geschichte erfunden haben, wahr ist. Sie sind allesamt nichts weiter als menschliche Erfindungen." (S. 430)

Tautologsch wie diese Sequenz ist das gesamte Buch verfasst, so kommt man auf über 500 Seiten. Was nervt: Persuasiv versucht Harari wie ein Prediger seine Leser in direkter Adressierung zu gewinnen. Ist er mit seinem Latein am Ende oder hat keine Lust auf vertiefende Argumentation, hat er diesen fantastischen Tipp:

"... fragen Sie Google." (S. 432)

Nicht verheimlichen will ich dem Leser, welch fetzige Faschismus-Definition der Historiker uns bereithält:

"Faschismus wird ... daraus, wenn sich der Nationalismus das Leben zu leicht machen will. ... Wenn meine Nation von mir verlangt, ich solle eine Million Menschen umbringen - dann sollte ich das gefälligst tun. Wenn meine Nation von mir verlangt, ich solle Wahrheit und Schönheit verraten - dann sollte ich das gefälligst tun." (S. 446f)

Sed haec hactenus.

Michael Seeger, 20. August 2020

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