Michael Seeger Rezensionen

Weber

Anne Weber

Annette, ein Heldinnenepos

Matthes & Seitz Berlin 2020

208 S., 22,00 EUR

gelesen März 2021

cover

Hommage auf eine weltverbessernde Gutmenschin

Erzählung von hoher Authentizität mit fragwürdigen erzähltechnischen Mitteln

Wie so oft, kann ich nicht in den Lobgesang der vereinigten Kritik einstimmen, auch wenn Anne Weber für das Buch 2020 den Deutschen Buchpreis erhalten hat.

Es handelt sich um die Erzählung eines authentischen Lebens, nämlich das der 96-jährigen Anne Beaumanoir, der die Autorin Anne Weber solidarisch-kritisch-feministisch ein literarisches Denkmal errichtet.

Widerstand, "Restistance", Revoluzzertum, Sozialismus, Weltverbesserung ist der Heldin in ihrer DNA mitgegeben. Für ihre Aktionen braucht die spätere Ärztin weder Theorie und Reflexion, noch Belohnung, noch Anstoß von außen, es genügt, wenn sie schlicht ihrem inneren Impetus der Gerechtigkeit folgt. Da liegt es nahe, dass das "Epos" immer wieder von guter Moral trieft.

Schon während der Deutschen Besatzung ordnet die junge Medizinstudentin alles ihrem selbstgewählten Widerstandsleben unter, auch das private Glück. Sie geht hin und tut, wohin oder zu was sie ihre Widerstands-Vorgesetzten heißen: von der Bretagne nach Paris, Lyon, Marseilles. Dabei opfert sie auch ihr privates Glück, verliert ihren Liebhaber an den Tod, verlässt schließlich ihre drei Kinder, nachdem ihr wegen der Agitationstätigkeit für den algerischen Freiheitskampf eine zehnjährige Haft droht. Über die Schweiz migriert sie nach Tunesien und schließlich nach Algerien und wird an Ben Bellas Seite revolutionäre Gesundheitsministerin in dem jungen Staat. Desillusioniert verlässt sie nach dem Staatsstreich Boumedienns Algerien und arbeitet danach in der Universitätsklinik Genf.

"Da kommt noch einiges an Weltverbesserungsversuchen, doch ist es weniger spektakulär." (S. 202)

Ihren Lebensabend verbringt sie schließlich in der Drôme, wo sie als alte Frau bei einer Lesung der Autorin begegnet, die darauf hin das vorliegende Heldinnenepos verfasst.

Als Leser konnte ich das Buch durchaus mit den zuletzt rezensierten Werken verknüpfen. Da ist zunächst die Odyssee:

"Wie Odysseus könnte sie, gefragt nach ihrem Namen, nicht nur aus List, sondern wahrheitsgemäß 'Ich heiße Niemand' sagen." (S. 59)

Eine wahre Odyssee ist auch ihr Itinerar. Der Kompass dabei ist nicht wie beim mythischen Vorbild das "Heimkehr-Motiv", sondern die Suche nach einer besseren Welt.

Die zweite Anknüpfung an meine Rezensionen führt zu Vespers "Frohburg". Wie in jenem Mammutwerk drängt sich die super-auktoriale Erzählerin mit ihren Damals-Heute-Analogien stets in den Plot der Erzählten Zeit, was je länger, je mehr, nur noch nervt:

"Doch wenigstens wollen wir an dieser Stelle, weil wir es können, den Lauf der Dinge unterbrechen und, aus unsrer andren fernen Zeit unsere Augen auf sie richtend, in den weiten Raum der Ewigkeit hinein lautlos ihre Namen sprechen: Paul Berquez. Raymond Stora. Rainer Jurestal." (S. 56)

Warum ist der Text im Präsens verfasst? Gerade vom Anspruch "Epos" her, stört das.

An Intertextualität wird Malraux und quasi leitmotivisch Camus aufgefahren:

"Der Stein wird immer größer, den Annette auf den Berg zu stemmen hat. Und immer höher wird der Gipfel." (S. 203)

Dem mythischen Titan gehört auch das letzte Wort des Epos: "Weshalb wir uns Sisyphos am besten glücklich vorstellen". (S. 207)

Was aber ist "Epos" an diesem Text? Einen Hexameter oder ein anderes Versmaß sucht man vergebens. Auch das Lob der Kritik, Anne Weber habe die Story in einem eindrücklichen Rhythmus gestaltet, kann nicht teilen. Was bleibt vom Epos-haften? Nichts als ein willkürlicher Zeilenumbruch, der Versform lediglich optisch anmutet.

zeilenumbruch

Trotz aller inhaltlicher Ernsthaftigkeit berührt das Buch kaum. Woran liegt das? Es ist Webers Erzählweise geschuldet. Wie eine Regisseurin schiebt sie ihre Heldin über das Feld. Schlachtfeld? Eher Spielfeld. Annette bekommt so keine emotionale Kontur, sondern bleibt eine Schachfigur der Erzählerin, die wohl weniger an Annettes Biographie interessiert ist als an ihrem auktorialen "Hereinstoßen in das Jetzt" (Begründung der Buchpreis-Jury).

Michael Seeger, 26. März 2021

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