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Der gesamte Chaco war zunächst nichts anderes als Busch, das ist ein undurchdringlicher artenreicher Niederwald. Entlang der Ruta Trans-Chaco ist der Busch auf je 1 km. links und rechts der Straße gerodet zur extensiven Viehwirtschaft. Der Boden ist als Lehmboden hart und wasserundurchlässig. Das Rodungsholz wurde und wird, ohne dass die Energie genützt würde, verbrannt. Früher gab es in Filadelfia ein holzgeheiztes Kraftwerk, das dieses Holz sinnvoll in Energie verwandelte und hunderten Indianern Arbeit brachte. Die Stromleitung vom Itaipu-Kraftwerk ist ein Beispiel für die Dialektik des Fortschritts.

Auf Sandboden, den sogenannten "Campos", wachsen höhere Bäume, vor allem auch Palmen, wie über Hunderte von Kilometern an der südlichen Ruta nahe Asunción

So sieht gerodeter Busch aus, noch ehe er als Weide- oder Bauland genutzt wird. Man musss sich vorstellen, dass die Mennoniten sich bei ihrer Einwanderung buchstäblich aus dem Nichts ihre Siedlungsräume geschaffen haben, wobei die Wasserfrage stets die wichtigste war und ist. Die Hitze kann auf den 470 km von Asunción nach Filadelfia durchaus um 15° ansteigen. Die Beschwörung der eigenen Freiheit durch die Urschweizer in Schillers "Wilhelm Tell" beschreibt die Geschichte der Besiedelung:

"Wir haben diesen Boden uns erschaffen
durch unsrer Hände Fleiß, den alten Wald,
der sonst der Bären wilde Wohnung  war
zu einem Sitz für Menschen umgewandelt...."

Schiller, Wilhelm Tell, II,2, V 1260ff

Handel und Gewerbe zwischen Asunción und Filadelfia wirken ausgesprochen "primitiv"; es ist dritte Welt pur - wie diese Zweiradwerkstatt an einer Ruta-Raststätte, von denen sich die genau auf halber Strecke gelegene durch Sauberkeit auszeichnet und dadurch Kunden anzieht.
Umso mehr wandelt sich das Bild in den Mennoniten-Kolonien, insbesondere in Filadelfia, was so etwas wie das Handels- und Dienstleistungszentrum ist. Hier kriegt man fast alles. Vor allem überrascht, wie schnell Arbeitsaufträge ausgeführt werden: sofort:
Diese Panne am Nissan Terrano war am Ostersamstag sofort behoben: Dazu wurden die Sicherungsschrauben an allen Rädern, die die aus Japan kommenden "Iquique" auszeichnen, aufgebort und durch neutrale ersetzt.

Dieser Iquique-Wagen, ein Nissan Mistral Turbo-Diesel 2,7 l, 4 WD, Bj. 1994, 127 000 km steht für 11.000 $ zum Verkauf.

Die Versuche der Regierung, den Fahrzeugmarkt zu legalisieren brachte das gebühren- und bürokratielastige "Registro Automotores" hervor. Kein Wunder, waren doch die Limousinen des ehemaligen Präsidenten (bis August 2003) Gonzales Macchi und der Primera Doña nachweislich gestohlen. Im Juni 2004 berichteten die Medien, dass noch immer 180 000 Fahrzeuge nicht registriert seien.

Wegen der astronomischen Fahrzeugpreise hat sich vom chilenischen Iquique aus ein Gebrauchtwagenmarkt der besonderen Art entwickelt (GEO berichtete jüngst darüber). Von Asien, v.a. aus Japan, kommen 8 bis 10 Jahre alte Autos nach Südamerika, werden dort von lokalen Händlern, die für viel Geld nach Iquique fliegen, aufgekauft. Diese lassen sie von Handwerkern auf Linkssteuerung umbauen und per LKW in die nationalen Zentren bringen. Hier schlägt der Zoll gnadenlos zu (in Paraguay werden 2000-4000 $ fällig). Am Bestimmungsort angekommen, verkünsteln sich lokale Handwerker, um die Kundenwünsche zu erfüllen; diese erfüllen sich gelegentlich auch eigene Wünsche, indem sie Originalteile aus- und No-Name-Teile einbauen; wenn das Auto dann streikt, kann es sein, dass der Wagen gegen Rechnung wiieder seine ursprünglichen Teile erhält. Weitere Kosten entstehen durch die überbürokratische Zulassung (300 US$). Der Wagenpreis hat sich inzwischen mehr als verdoppelt. Inzwischen haben viele daran verdient. Wieviel als Korruption in irgendwelche Taschen gewandert sind, kann man nur erahnen.

Das Herz jedes Cowboys oder Estancieros schlägt höher, wenn er nach langem Ritt hier in der "alten Kooperative" wirklich alles bekommt: jeden Nagel und jede Schraube einzeln, ein Gewehr, Munition - alles zu sehr günstigen Preisen und bestens bedient. Für den gehobenen Anspruch gibt auch Kühlschränke, Waschmaschinen, Fahrräder.
Da die alte Coop abgerissen werden soll, müssen wir wohl eine Bürgerinitiative zu deren Erhaltung gründen!

Die neue Kooperative, kurz "Super" genannt,  dagegen hat den Charme eines DDR-HO-Ladens. Nahrungsmittel sind billig, Kosmetika und Schreibwaren überteuert. In den Kolonien herrscht bargeldloses Einkaufsglück. Man gibt die Nummer seines Kontos bei der Kooperativ-Bank an und unterschreibt den Computerausdruck. Wie von einer Geldkarte wird der Betrag dann abgebucht. Auch die Latein-Paraguayischen Geschäftsleute haben sich diesem praktischen System angeschlossen. Die Indianer wollen für ihre Gelegenheitsarbeiten Cash.

Ein anderer schöner Laden ist der Tuttti-Frutti-Almacen von Michel. Der Jungunternehmer hat das bei den Mennoniten weit verbreitete Gardemaß von 1,95 und ist quasi genetisch zur Sportart Volleyball verpflichtet, einem in den Kolonien sehr populären Sport.

Im Nebenraum ist die Möbelabteilung. Gefällt einem ein Ausstellungsstück aus irgendeinem Grund nicht, wird es nach eigenen Vorstellungen und Maßen spezialangefertigt und selbstverständlich frei Haus geliefert wie Michaels Schreibtisch-Beistelltisch. Endlich ein Kauf bei dem sympathischen Mann nach so vielen Beratungen.

Die Bargeldlosigkeit ist auch insofern angenehm, als das Papiergeld abgegriffen und wirklich eklig anzufassen ist. Es heißt wie die Sprache der Indianer Guarani. 1 € entspricht 4.200 PYG, 1 USD 4.900 PYG, so dass man schnell Millionär ist. (April 2002). Deswegen werden größere Beträge auch in $ gerechnet. Der Wechselkurs schwankt ständig: Juni 2004 1 € = 7.200 PYG; 1 US$ = 5.900 PYG. Zum Währungsrechner

Eine Währungsreform wäre nicht das Einzige, was dem Land gut anstünde.

 Hütte von außen

 

Neben dem Preisniveau sind auch die Einkommen interessant. Indianische Gelegenheitsarbeiter (z.B. Putzfrau) erhalten 6.000 PYG/Stunde. Es gibt einen gesetzlichen Mindesttageslohn: 25.000 PYG auf dem Lande und 35.000 PYG in der Stadt. Es gibt eigentlich im Sprachgebrauch nur Unternehmer (Patron, Señor) und Arbeiter. Hans' "Arbeiter", die seine Fence so betreiben, dass er sich kaum darum kümmern muss, erhalten im Monat ca 200 €, worin eine Versicherung inbegriffen ist. Es sind in der Viehwirtschaft kundige Latein-Paraguayer ("Einen Indianer kannst du zu so was nicht nehmen, denen musst du immer sagen, was sie machen sollen.") leben mit ihren Familien eigentlich im 400 km entfernten Conceptión, wo sie eine eigene Fence haben. Sie leben in dieser primitiven Hütte auf der Weide und werden vom Patron mit Lebensmitteln versorgt. Angeblich ist es ihnen lieber, wenn der sein Kapital in neues Land statt in eine neue Hütte investiert, weil ihnen dann die Arbeit sicher ist. Der Patron weiß ungefragt immer, was gut für seine Arbeiter gut ist, Patrimoniat im klassischen Sinne.

 

Hier im Corall schlägt das Herz der Wirtschaft. Es ist der örtliche Umschlagsplatz für Rinder, ein Klein-Chicago. Der Bauer kann nach Lebensgewicht oder nach dem Gewicht, was in der kooperativeigenen Schlachterei in Asunción übrigbleibt, verkaufen. Verkauft wird immer ein ganzer Corall, also eine ganze Herde. Die Mennoniten verstehen sich als "Rural Society", insofern hat letztlich jeder Land, der Seminarleiter, der Lehrer, der "Super"-Arbeiter. Man rechnet 1 ha für ein Rind, wenn man nicht überweiden will. Von 500 Rindern kann man ganz gut leben mit 2000 "Köpfen" ist man richtig reich. Mancher Lehrer hat nebenher 500 Köpfe! Der Fleischpreis und der in Aussicht stehende Export nach Chile und in die EU unter strengen Auflagen sind derzeit Thema Nr. 1. Der Fleischpreis liegt (2002) im historischen Keller: 40 USD-Cent für das Kilo Lebendgewicht. Entsprechend kostet ein Kilo bestes Rinderfilet (Lomito) 2,70 €!

Das Kooperativ-Prinzip erklärt sich aus den Anfängen einer durch "Glaube, Arbeit, Eintracht" zusammengeschweißten mennonitischen Einwanderer-Gemeinschaft. Es hat sich offensichtlich so bewährt, dass es  heute immer noch funktioniert, wenngleich sich einige Firmengründer als Privatunternehmer selbständig machen. Sie tun es offensichtlich rein aus Profitgründen. Denn die Kooperative, der auch die Schulen und das Seminar gehören, verlangt eine Vielzahl von Abgaben, eine Quasi-Steuer, zur Bestreitung der gemeinschaftlichen Aufgaben: Straßenbau und -Unterhaltung, Schulen, Gesundheitsfürsorge, Bankwesen, Verwaltung (oberste Exekutive: der "Oberschulze"). Es ist nach unserer Einschätzung ein christlich fundierter sozialer Kapitalismus, der wie die Zünfte des Mittelalters seinen Mitgliedern einen hohen Schutz und hohe Sicherheit gewährt. Der Preis dafür  ist die Einschränkung der Freiheit und eine starke soziale Kontrolle. Insbesondere in Sachen Familie / Ehe / Zusammenleben / Sexualität scheinen die ungeschriebenen und undiskutierten Normen fest und starr und werden von der hermetisch abgeschlossenen Gesellschaft streng überwacht. Auf der anderen Seite, kann in dieser Gesellschaft niemand scheitern, wird jeder, auch jeder Behinderte aufgefangen, ist jeder Mensch auf natürliche Weise hilfsbereit und wenig egoistisch.

 

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Leben und Arbeiten in Filadelfia/Paraguay © 2002-2006 Heide Walb und  Michael Seeger update 14. 10. 2006