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Stefan Zweig

Die Welt von Gestern

Erinnerungen eines Europäers

Anaconda Verlag Köln 2013; © Stockholm 1942

ISBN: 978-3-86647-899-2

574 S. 7,95 EUR

gelesen November 2022

Zweig

 

War früher alles besser?

Zweig oszilliert zwischen Begeisterung und Verzweiflung.


Ja, wie der Untertitel verrät: Zweig ist ein überzeugter Europäer und verdiente posthum den Karlspreis. Wie der Titel ausweist, handelt es sich bei dieser sich bescheiden gebenden Autobiographie um einen melancholischen Rückblick angesichts der durch Hitler angerichteten zweiten Katastrophe des 20. Jahrhunderts. In Zweigs Rückblick scheint die österreiische Monarchie der "Konzilianz" und "Indulgenz" fast als Goldenes Zeitalter. Dem Künstler Zweig kommt es natürlich zupasse, dass seine Heimatstadt Wien mit ihrer "Theatromanie" (S. 39) einem leidenschaftlichen "Drang zum Kulturellen" (S. 31) ihm eine Enkulturation bietet, die sein auf "Geist" gerichtetes Wesen erblühen lässt. Fern allem Politischen geht es ihm um "das Gefühl der inneren Freiheit" (S. 17). Der Start ins Leben ist beschwingt und bereichert durch den grenzenlosen Fortschritt und Fortschrittsglauben des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Aber: "Wir haben ... den Preis dafür gezahlt" (S. 51).

Wer ist dieses erzählende "Wir"? Sind es Zweig und seine - stets männlichen - Kameraden, seine genialen Freunde und Zeitgenossen oder ist es ein Pluralis majestatis? Zweig erzählt ausschließlich von einer Männerwelt. Seine (erste von zweien) Ehefrau kommt - namenlos - nur zweimal vor mit dem Epitheton "meine Frau" (S. 406, 425). Obwohl Zweig ein ausführliches Kapitel über die verklemmte Sexualmoral im alten Österreich geschieben hat ("Eros Matutinos", S. 100-131), kommen Frauen in seinem Lebensbericht nicht vor. Liegt es daran, dass er, der Freud gerade deswegen bewundert, weil der nichts unter den Teppich kehrt, hier nicht von "der Leiche in seinem sexuellen Keller" reden will? Denn Zweig soll in Wien als Exhibitionist aufgefallen sein!

A propos Freud: Unter solchen Lichtgestaten macht es Zweig nicht, wenn er von seinen Gefährten spricht. Er geht ein und aus bei Rolland, Rilke, Walter Rathenau, Schnitzler, Richard Strauss, den Intendanten der wichtigsten Theater, Gorki, dem verehrten Hofmannsthal, Max Reinhard, Schickele, Th. Mann, Wassermann, Werfel, R. Steiner, James Joyce, Emil Ludwig, Paul Valery, Ravel, A. Berg, B. Bartok, Toscanini, G. Mahler .... und, und, und. Der säkulare Jude Zweig sieht überall ein "Schicksal" walten, welches sich zur Entwicklung der Menschheit ( vgl. "Sternstunden") in den verehrten heroischen Genies materialisiert. Wie schon in meiner Rezension zu "Magellan" beschrieben, jagt in seiner Verehrung für die "Helden" ein Superlativ den nächsten. So sind abwechselnd Rathenau, Rilke oder Steiner die schärfsten und intelligentesten Geister, denen der Autor je begegnet ist.

Zweig war zu seiner Zeit einer der reichsten, einflussreichsten, meist übersetzten, geachtesten Autoren seiner Zeit, bis ihn, den assimilierten Juden, die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten traf und er im Exil in London und Bath sowie in Petropolis/Brasilien an seiner Heimatlosigkeit verzweifelte und sich schließlich das Leben nahm. top

Insofern sind seine Erinnerungen, die mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges enden, immer Reminiszensen aus dem Tiefpunkt seines Lebens und der europäischen Kultur. Immer wieder kritisiert er sich (bei Zweig "uns") für die in Optimismus befangene Blauäugigkeit in Bezug auf die Entwicklung der antihumanistischen Barbarei der Mussolini und Hitler. Für mich ist dafür ausschlaggebend, dass Zweig sich aller politischen Parteinahme enthält, ja nicht einmal sein Wahlrecht ausübt! (S. 512). Wie viele seiner unpolitischen Zeitgenossen unterliegt er dem Fluch und Irrtum der "inneren Emigration":

"Flüchte dich in dein innerstes Dickicht, in deine Arbeit, in das, wo du nur dein atmendes Ich bist" (S. 568). Schon während der Massenhysterie im Ersten Weltkrieg begeht Zweig diese quasi "neoromantische Weltflucht", seinen "persönlichen Krieg (...): den Kampf gegen den Verrat der Vernunft an die aktuelle Massenleidenschaft" (s. 317).

Stilistisch fesseln in Zweigs Erzählung solch plastische Metaphern wie die Schilderung des Tauschhandels angesichts der Inflation 1918ff (die in Österreich viel früher als in Deutschland virulent wurde):

"Nachdem die Menschheit mit dem Schützengraben schon glücklich zur Höhlenzeit zurückgeschritten war, löste sie auch die tausendjährige Konvention des Geldes und kehrte zum primitiven Tauschhandel zurück." (S. 386)

Fast wie ein Kommentar zur woken Genderdebatte und dem LGBT-Hype unserer Tage liest sich Zweigs Kommentar zum hysterischen Modernismus der Zwischenkriegszeit:

"Homosexualität und Lesbierinnentum wurden nicht aus innerem Trieb, sondern als Protest gegen die althergebrachten, die legalen, die normalen Liebesformen große Mode." (S. 398)

Beim Besuch der Sowjetunion, welche andere Besucher jeweils zu völligem Enthusiasmus oder totaler Ablehnung des Kommunismus geführt hat, bleibt Zweig kritisch, auch deshalb, weil ihm, dem Beobachter, ein Unbekannter diesen Zettel heimlich in den Mantel gesteckt hat:

"Erinnern Sie sich, dass die Menschen, die mit Ihnen sprechen, meistens nicht das sagen, was sie Ihnen sagen wollen, sondern nur, was sie Ihnen sagen dürfen. Wir sind alle überwacht und Sie selbst nicht minder. Ihre Dolmetscherin meldet jedes Wort. Ihr Telefon ist abgehört, jeder Schritt kontrolliert." (S. 446)

Ist das nicht in kluger Antizipation die wahre Beschreibung von Putins Russland von heute?

Trotz aller Depression endet das Buch des Menschenfreundes mit diesem schönen Bild:

"Aber jeder Schatten ist im Letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Anfang und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt." (S. 574)

 

Michael Seeger, 01. Dezember 2022 top

© 2002-2022 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 02.12.2022