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kommentiert James Joyce: Ulysses

Roman

genial übersetzt und kommentiert von Hans Wollschläger

1914 by Margarer Caroline Anderson; Suhrkamp Frankfurt 1975

st 2551 1996; 989 S., 19,81 EUR

kommentierte Ausgabe: 1.140 S. 68,00 €UR ISBN 978-3-518-41585-6

(wieder nur teilweise) gelesen: Februar 2026

Joyce

"Gott schuf nach Shakespeare J. Joyce"

Auch noch ein Vierteljahrhundert nach der Erstlektüre ist der "Jahrhundertroman" für mich nicht lesbar!

Als Leser erneut versagt! Oder liegt es vielleicht auch am Buch? Tapfer habe ich mich bis zu Kapitel X ("Irrfelsen") vorgearbeitet - so weit war ich auch beim letzten Lektüreversuch im Jahr 2003 vorgestoßen. Ich konnte mich an absolut nichts erinnern. Und ehrlich: Jedesmal, wenn ich nach einer Stunde Lektüre mich fragte, was ich jetzt eigentlich gelesen habe, konnte ich es nicht sagen. Dabei habe ich Wollschlägers Kommentare, die auch noch der feinsten Allusion nachgehen, durchaus genossen - allein, es bleibt nichts davon zurück. Speziell in den ersten drei Kapiteln, wo Leopold Bloom noch gar nicht erscheint, weiß man gar nicht, wer spricht, was Erzählerstimme, was Dialog ist.

Teilweise fühle ich mich an mein Toyota-Handbuch erinnert, bei dem ich nach der Lektüre auch nichts verstanden habe:

In den folgenden Fällen kommt es möglicherweise zu keinem Eingriff bzw. zu einem Abbruch der Notfall-Lenkunterstützung, da das System zu dem Schluss kommen kann, dass der Fahrer bereits Maßnahmen ergreift.
• Wenn das Gaspedal kräftig getreten, das Lenkrad stark eingeschlagen, das Bremspedal getreten oder der Blinkerhebel betätigt wird. Ist dies der Fall, geht das System eventuell davon aus, dass der Fahrer Maßnahmen zur Vermeidung einer Kollision ergreift, und die Notfall-Lenkunterstützung greift möglicherweise nicht ein.
• In einigen Situationen wird der Eingriff der Notfall-Lenkunterstützung möglicherweise abgebrochen, weil das Gaspedal kräftig getreten, das Lenkrad stark eingeschlagen oder das Bremspedal getreten wird und das System davon ausgeht, dass der Fahrer Maßnahmen zur Vermeidung einer Kollision ergreift.
• Wenn das Lenkrad beim Eingreifen der Notfall-Lenkunterstützung fest gehalten oder in die der vom System erzeugten Drehkraft entgegengesetzte Richtung gedreht wird, wird die Funktion möglicherweise abgebrochen.

Ein Auszug aus Ulysses:

"Seine Lippen belippten, bemundeten fleischlose Lippen aus Luft; Mund ihrem Schoß. Schluft, allumschoßende Gruft. Sein Mund modellierte Ströme von Atem, entsprachlicht: uuiiihah: Getöse kataraktischer Planeten, verkugelt, auflodernd, brüllend, weheweheweheweheweg. Papier. Die Banknoten, solln sie vergammeln. Old Deasys Brief. Hier. Danke Ihnen für die Gastfreundschaft in Ihren, reiß dir das freie Stück unten ab. ..." (S. 66)

Mag man das noch für eine poetische erotische Stelle halten, wundert sich der Leser nach über hundert Jahren seit dem Erscheinen des Buches, in welch derb-pornografischer Weise Joyce vom Sex erzählt: Da ist es mal das "Fötzchen" (S. 65), dann die "Votze" (S. 82), dann wieder eher poetisch, wenn auch wenig appetitlich: "Sanft gab sie mir in den Mund den Mohnkuchen, warm und gekaut. Widerlichen Brei, gemummelt von ihr, süß und sauer von Speichel. (...) Weich, warm, klebrige, gummigallertige Lippen. (...) Frauenbrüste voll in ihrer Bluse aus Nonnenschleier, pralle hartaufgerichtete Nippel. Heiß zungte ich sie." (S. 240). Man erkenne an diesem Auszug auch Wollschlägers Übersetzungsleistung.

Bei S. 309 (in Dublin um 15:00 Uhr) angekommen (wie im Jahr 2003), gab ich auf. Wozu diese Anstrenungung, wenn nichts bleibt? Ich mache einen Siebenmeilenschritt um 12 Stunden und "gönne" mir das letzte Kapitel: "Penelope". Es handelt sich um einen inneren Monolog Mollys nachts um drei Uhr. Das ist nun Pornografie pur, vorgetragen von einer ehebrecherischen Gattin in einer Suada, bestehend aus acht Sätzen ohne Interpunktion. Man fühlt sich von Houellebecq oder Erpenbeck "heimgesucht":

"also was das wieder für ein Einfall war uns so zu erschaffen mit einem großen Loch in der Mitte wie die Zuchthengste rammen sies einem rein weil das ist ja überhaupt alles was sie von einem wollen (...) trotzdem so fürchterlcih viel Saft hat er auch wieder nicht auf der Pfanne wie ich ihn zurückziehn ließ und auf mir zuende machen wenn man bedenkt wie groß das Ding ist aber umso besser falls irgendwas davon nicht richtig rausgewaschen war das letztemal wie ich ihn in mir zuende machen ließ (S. 922)

Und dann fühle ich mich ganz widerlich an Erpenbeck erinnert, wenn Molly ihren Vergewaltigungswunsch zum besten gibt:

"dieser Busche zum Beispiel mit den schönen Augen der wie ein Gauner aussah der da so amgange war und eine Gerte abschälte so einer könnte mich mal im Dunkeln überfallen und mich gegen die Mauer drücken bloß so ohne ein Wort oder ein Mörder oder überhaupt jeder" (S. 979)

Es ist schade, dass mir gerade die porografischen Passagen in Erinnerung bleiben bei einem Roman, der von Bildung nur so trieft, bei dem die Hamlet-Paraphrasen sich noch am ehesten verankern konnten. Was sagt das über James Joyce ... und was sagt das über mich? Und - was Wunder im katholischen Irland - es kommt fast auf jeder Seite eine religiöse Bemerkung.

Wie ich aus vielen Gesprächen weiß, bin ich nicht der einzige, der bei der Lektüre (mehrfach) gescheitert ist. Ich habe es immerhin versucht. Freund F J, der mir die wunderbare pleonastische Kommentarausgabe geschenkt hat, möge nachsichtig mit mir sein.

Michael Seeger, 16.06.2026


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