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Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Roman

2007; Penguin München 192018, 190 S., 13,00 EUR

ISBN 978-3-328-10251-9

gelesen: Januar 2026

autorin

Abiturienten werden heimgesucht

Ein für Jugendliche kaum lesbares Buch

Ein Buch kann man mit verschiedenen Augen lesen. Ich lese das vorliegende mit den Augen meiner ehemaligen Schüler bzw. der derzeitigen Abiturienten. Der Roman ist ab Abitur 2026 Pflichtlektüre in den Bundesländern. Meine Ahnung: Die Schüler werden das Buch nicht lesen, sondern sich eher via Internet/KI über das "Sternchenthema" informieren. Das liegt auch am Buch: Der Roman ist schwer lesbar.

Es geht um die Geschichte eines Grundstücks und eines Hauses am märkischen Scharmützelsee und der im Hause lebenden Menschen - etwas mehr als ein Dutzend. Die Geschichte ist zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Nachwendezeit angesiedelt und erzählt von den (tragischen) Schicksalen vierer Generationen - von Glücksmomenten ist nie die Rede. Die Konstruktion erinnert stark an den Film von Mascha Schilinkski "In die Sonne schauen" und lässt uns gelegentlich genauso ratlos bis verärgert zurück wie der Kinostreifen. Das bei mir nicht beliebte Präsens als Erzählzeit könnte man mit den Zeitverschränkungen und postulierten Gleichzeitigkeiten begründen, wäre es nicht der eigentliche Stil der Autorin (> Kairos). Wie das Präsens als Erzähl-Tempus versagt, zeigt sich vor allem im temporalen Gliedsatz mit der Konjunktion "als":

"Und deshalb ist auch kein metallisches Seufzen zu hören, als sie den Raum betritt." (S. 173)

Das Konstrukt ist keine Erfindung Erpenbecks. Wir kennen es schon von Anderschs "Sansibar", dass nämlich sowohl chronologisch wie gleichzeitig das Geschehen aus der Perspektive mehrerer Personen dargestellt wird. Die Protagonisten sind mit Ausnahme der "arisierten" jüdischen Besitzerfamilie, welche teils nach Kapstadt auswandert, teils im KZ ermordet wird, namenlos. Die Multiperspektivität hat eine Vermischung der Erzählhaltungen zur Folge. Es wechseln auktorialer Erzählbericht, personale Innensicht und Verdichtung der personalen Erzählhaltung in der erlebten Rede und im inneren Monolog. Das führt auch zu syntaktischen Vermischungen, weil die Erzählerin zu viel will, vor allem stets die Gegenwart mit der Vergangenheit verbinden.

"Nachdem er durch eine kurze Verzweiflung hindurchgeschwommen war, hatte sich der deutsche Beamte ums Bleiben auf seinem Posten beworben. Jene aber, die vor ihrer eigenen Verzweiflung ins Ungeheure aus der Heimat geflohen waren, wurden durch das, was sie von zu Hause erfuhren, nicht nur für die Jahre der Emigration, sondern (...) auf immer ins Unbehauste gestoßen, unabhängig davon, ob sie zurückkehrten oder nicht. (S. 116)

Die Abstraktheit solcher Passagen ist es, was (meinen) Schülern die Lektüre versauert.

Die Autorin, welche im Roman ihre Kindheitserlebnisse im Hause des Großvaters verarbeitet, bleibt als Kind der DDR stets erkennbar und sichtbar. Umso mehr macht es sprachlos, dass Erpenbeck den Begriff "Ostzone" (S. 41. 71) verwendet und in der DDR "Beamte" (S. 42) agieren lässt. Die kurzen Kapitel tragen Überschriften nach den in ihnen handelnden Personen und heißen etwa "Die Frau des Architekten" oder "Der Rotarmist". Sicherlich soll die Namenlosigkeit eine gewsse allgemeine Typisierung generieren.

An den erwähnten beiden Figuren, der schon "welken" Frau und dem Kind, was der russische Major noch ist, wird beispielsweise die Multiperspektivität einer Vergewaltigung gestaltet - wenngleich auf fürcherliche Weise:

"Mit den slawischen Horden" ist "der Russe gekommen.
Sie will das Wort nicht denken, das Wort, mit dem er sie rief, das undenkbare Wort, mit dem er für alle Ewigkeit ein Loch in ihre Ewigkeit bohrte. Ihr zu der Zeit schon unfruchtbarer Körper hatte ihn, der das Wort gewußt hatte, das sie entmachtete, mit aller Gewalt an sich gerissen und ungefähr für Dauer einer Geburt ihr Lachen (...) erstickt."
(S. 73)
In der anderen Perspektive schiebt die Frau den Kopf des Rotarmisten "zwischen ihre Beine. (...) Und als jetzt der junge Soldat, vielleicht nur aus Angst vor der Frau, seine Zunge zwischen die krausen Haare schiebt, und was er schmeckt, schmeckt nach Eisen, ergießt sich, erst sanft, dann heftiger, ein heißer Schwall über sein Gesicht, die Frau pinkelt ihm in Gesicht. (...) Dann zieht sie ihn endlich nach oben, trocknet ihm mit einer der Kleiderstücke, zwischen denen sie stehen, das Gesicht ab.(S. 100f) (...) In die Stille hinein greift die Frau nun wieder an, (...) greift mitten in ihn hinein, packt durch die Hose hindurch seinen Schwanz und drückt den Jungen zu Boden, viel stärker ist sie als er, jetzt wirft sie sich über ihn, hier ist keine Deckung, will sie ihn decken, diese Stute, mit erfahrenen Händen reißt sie ihm die Hose auf und pfählt sich auf ihm, reitet ihn ein (...) er wehrt sich nicht mehr, treibt ihr, wenn sie es so will, seinen Stachel ins Fleisch, sie hält ihm den Mund zu und spuckt auf sein Gesicht, und er hört sich stöhnen, hört sich Nein sagen auf Russisch, und sie sagt Doch, da stößt er die Stute zuschanden. (S. 103)"

Meine armen Schüler! die das über sich ergehen lassen müssen! Erpenbecks perverse sexuelle Pornographie ist hier so abstoßend wie in KAIROS. Als wäre das noch nicht genug, müssen wir - zusammen mit zwei Zwöfjährigen - mitansehen, wie René, der etwas älter ist als seine ebenfalls zwölfjährige Cousine Nicole, diese vergewaltigt und die beiden "Kinderfreunde" dabei zuschauen lässt. (S. 164 f).

"Meine armen Schüer!" auch deshalb, weil es keine einzige heitere Stelle im Roman gibt. Alles ist düster, alles ist voller Gewalt und Bosheit. Inmitten der gewaltvollen Geschichte gibt es einen Ruhepol - den ebenfalls namenlosen Gärtner. Er gestaltet die häufig geradezu naturexistenzialistisch beschriebene Natur nach dem Auftrag seiner wechselnden Herrn zum Park, zum Garten, zur Heimat, in der die vielen Heimatlosen - vergeblich - ein wenig Geborgenheit und Frieden suchen. Neben der Natur ist es die ZEIT, die alles überdauert, geradezu mystifiziert, aber schwer in Sprache zu fassen:

Erpenbeck lässt eine BESUCHERIN sich fragen, "ob die Sätze unterwegs sind zu den Menschen, oder umgekehrt, oder ob die Sätze einfach nur warten, bis sich irgendwer ihrer bedient." (S. 130).

Die vorliegenden Rezensions-Sätze haben auf mich gewartet, ich habe mich ihrer bedient. Ich konnte meine Enttäuschung und mein Mitleid mit "meinen" Schülern nicht verhehlen und hoffe nun, dass Volker Schlöndorff, welcher derzeit an der Verfilmung des Romans arbeitet, eine gelingende Variante schafft.

Michael Seeger, 19.01.2026


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