Michael Seeger Rezensionen Forum

E.T.A.

E.T.A. Hoffmann

Der goldne Topf

Ein Märchen aus der neuen Zeit

1814

Reclam (RUB 101) 1953, 2004

128 S. mit Nachwort, 3,00 EUR

gelesen Februar 2018

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Prototypisch romantisch

 

Mein Leben lang habe ich mich (zu Recht!) um diesen Text herumgedrückt. Jetzt ist er Pflichtlektüre für das Abitur in BW und zwingt dem ehemaligen Deutsch-Didaktiker natürlich die Textkenntnis ab.

Arme Schüler!

Die Vorvorgänger Abiturienten mussten durch Kafkas "Proceß", letzmalig wird der Jahrgang 2018 leider wieder Büchners "Dantons' Tod" verweigern. Das nämliche Schicksal sage ich dem Hoffmannschen Referenztext für die Epoche Romantik voraus. Was kann denn ein junger Mensch unserer Zeit (für sich) mit diesem Märchen anfangen, außer es literaturhistorisch zu verorten?

Arme Lehrer!

Wie sollen sie die jungen Erwachsenen für diesen Text motivieren. Ich würde es literaturgeschichtlich angehen, herausarbeiten, was Romantik ist: In Anselmus' jungem Leben ist die Ambivalenz von realer Welt der spießigen Bürgerlichkeit (Studium, Beruf, standesgemäße Heirat, Veronika, Position als Hofrat) und der Gegenwelt märchenhafter Phantasie und des Zaubers (Hexe, Archivarius, Schlangentöchter, Vögel, Serpentina, Atlantis) allgegenwärtig und beherrschend. - Dass ich hier schon wieder ( > Ishiguro, > Kehlmann!) einem Drachen begegnen muss, lassen wir mal dahingestellt. - Die Dichotomie Realität < - > Phantastik ist programmatisch bereits im Untertitel manifest: "Ein Märchen aus der neuen Zeit". Die beiden Bereiche stehen sich aber nicht nur antithetisch gegenüber, vielmehr tritt nach Hoffmanns Devise das Wunderbare "keck ins gewöhnliche Leben". Die Dualität und gleichzeitige Verschränktheit der beiden Welten zeigt sich in einen ständigen Wechsel des Ortes und der Figuren. Das vom Äpfelweib zu Beginn verfluchend verheißene "ins Kristall!" (S. 5) eröffnet eine Motivkette von Glas und Spiegel, von Türknopf und goldnem Topf, welche die Welten verschränkt.

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Auf der reich gestalteten Symbolebene ( >> Schwarzes Tor, Elbbrücke, Äquinoctium, Himmelsfahrtstag) ließe sich der Kompetenzerwerb der Schüler in literarischem Verstehen organisieren. Dies alles ist recht leicht zu erkennen, ist aber auch reichlich konstruiert, so dass sich weder Empathie mit den maskenhaften Charakteren noch gar Spannung einstellen kann. Den Blick der Abiturienten würde ich öffnen für die Erzählstrategie des zunächst distanzierten sich gelegentlich allwissend-auktorial den Leser adressierenden Ich-Erzählers ("Wohl darf ich geradezu dich selbst, günstiger Leser, fragen, ob ...." (S. 28). Im Finale wird dieser Ich-Erzähler selbst zum erlebenden Ich und schließt mit einer Sentenz aus dem Munde des Archivarius, von der her man sinnstiftend die Schüler-Lektüre insgesamt steuern könnte: "Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwas anderes als das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret?" (S. 102). Die romantische Ironie ist in diesem Erzählverhalten genauso inkludiert wie in den überraschenden Volten innerhalb der erzählten Welt (etwa der hurtigen Eheschließung Veronikas mit dem frisch ernannten Hofrat Heerbrand, nachdem sie doch eigentlich Anselmus anbetend sich versprochen hat).

Damit hätte ich als Lehrer den Abiturienten gegenüber meine Pflicht getan. Wie das so üblich ist, inszenieren Bühnen stets die Texte, welche für Schüler abiturrelevant sind. Schauen wir also mal bei Elisabeth Fricks Inszenierung im Freiburger Theater vorbei, um zu prüfen, ob sie für die Jugendlichen von heute bemerkenswerte Bezüge offenlegen kann.

Ansonsten halte ich es mit dem alten Großmeister, der in Hoffmanns "romantischer" Schreibart ein "krankhaftes" Gegenbild zur eigenen "klassischen" Gesundheit erblickte. (Vgl. Nachwort von Hartmut Steinecke, S. 114).

Michael Seeger, 16. Februar 2018

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