Michael Seeger Rezensionen

Oδύσσεια

Homer: Odyssee

übersetzt v. J. H. Voss

Reclam UB 280-83 Stuttgart

367 S., 7,00 EUR

(wieder) gelesen 1965/68 / März 2021

Brutalität, Demut, Resilienz und Agilität

Odysseus mit seinem Durchhaltevermögen könnte für manchen Zauderer Vorbild sein.

Nach dem Finley-Studium war es irgendwie logisch, dass ich mir Homers Epos erneut vornehme. Im Groben saßen seit meiner Jugend die Erinnerungen an den Plot noch fest und verlässlich im Gedächtnis. Bei der Re-Lektüre ging es mir um die Überprüfung von Finleys Thesen ... und um die stilistische Gestaltung. Finley finde ich bis auf eine Stelle, die stellvertretend für Gerechtigkeitsappelle steht, bestätigt:

"Alle gewaltsame Tat mißfällt ja den seligen Göttern;
Tugend ehren sie nur und Gerechtigkeit unter den Menschen!
Selbst die barbarischen Räuber ...
Fühlten dennoch im Herzen die Macht des empörten Gewissens!"

Eumaios zu Inkognito-Odysseus, 14, 83ff

Also doch Moral, doch die Rede von Tugend, Gerechtigkeit, auch gelegentlich die Rede von Sünde (Übersetzungsproblem?). Summarisch hat Finley natürlich Recht: Es geht um Gastfreundschaft, Intrige, Gewalt und Vergewaltigung, um Macht, um Stärke und Raub (die ständige Rede von "Beute"!). Nicht umsonst heißt Odysseus nicht nur der "Dulder", sondern auch der "Städtezerstörer". Und bei aller Sympathie mit dem Mann, der - ähnlich wie Faust - alles will und vieles erlangt, bleibt uns mit unserem modernen christlich geprägten Bewusstsein schon die Spuke weg, wenn wir im Detail die Rache des Heimkehrers an den Freiern erleben: Einer der Freier, Leiodes, umarmt wimmernd des Rächers Knie und fleht um Erbarmen. Doch Odysseus

"nahm (...) von der Erde das Schwert, ... und schwang es und haut ihm tief in den Nacken, daß des Redenden Haupt hinrollend mit Staube vermischt ward." (22, 326ff)

Meine andere Beobachtung gilt der Gestaltung. Die Erzählung verläuft keineswegs linear-chronologisch, sondern in mehreren Spiralen verschachtelt. Einen gewichtigen Part der Irrfahrten und Abenteuer erfahren wir in rückblickender Binnen-Erzählung. Ein Großteil davon bietet am Hof der Phäaken der Sänger Demodokus, den dann Odysseus selbst authentisch ablöst. (Achter Gesang). Wie im modernen Roman erinnert Homer die Zuhörer immer wieder an das schon erzählte Geschehen. Eine äußerst prägnante Zusammenfasssung seiner Erlebnisse bietet Odysseus in der ersten Nacht im Ehebett mit Penelopeia in wenigen Versen (23, 310-341). Das erinnert an die Erzähltechnik des epischen Großmeisters Thomas Mann in der Tetralogie "Joseph und seine Brüder".

Und wenn wir schon beim stilistischen Vergleich Homers mit den Stoffen biblischer Erzählung sind, fällt mir auf und ein, wie verwandt diese jeweils erzählten Welten sind. Sie sind ja in einer ähnlichen Zeit und in einem verwandten Kulturraum entstanden. Es sind Geschichten einer Gesellschaft von Hirten, im weitesten Sinne von Viehzüchtern. Ihnen geht es um die Größe der Herden (Beute!), um den Besitz fetter Weiden, um Eroberung, Besitz und Genuss eines Weiberharems, über den sie beliebig verfügen dürfen, um ihren Samen fortzupflanzen. Sie opfern die Zuchttiere den Gottheiten, flehen sie um Hilfe an, werden von Göttern geleitet, verstoßen aber auch gegen deren Gebote. Sie sind um Ruhm und Erbe bemüht. Bei Homer ist das bellizistische Motiv natürlich stärker ausgeprägt - und das Symposion!

Was mir ausgesprochen gut mundet, ist die homerische Sitte, den Gast, den Fremden zunächst mit großen Stücken frisch geschlachteten und gebratenen Fleisches sowie mit "funkelndem" Wein zu bewirten, ehe man ihn fragt, wer er sei und was sein Begehr. Zum Abschied wird er reichlich beschenkt entlassen. Wir sind derzeit dabei, die gedankenzerreibenden Gastmitbringsel zu reduzieren oder gar abzuschaffen. Beschenken wir stattdessen den Gast! Was wir ihm zum Abschied mitgeben, kommt aus der Vorratskammer, wo die Geschenke der anderen Gastgeber gehortet werden. Diese werden weiter gegeben.

Es lebe der Wanderpokal!

Griechisches Symposion

Michael Seeger, 10. März 2021

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