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Dörte Hansen:

Mittagsstunde

Roman

(Penguin) München 2018

319 S. 22,00 EUR

ISBN: 978-3-328-60003-9

gelesen Januar 2022

Autorin

Dorf und Dörpsminsch im Wandel

Hansens zweiter kommt fast an den Debütroman heran.


Wenn eine erfolgreiche Autorin kurz nach dem furiosen Erstlingswerk nachlegt, hat man zu Recht Angst vor einem schalen Aufguss. Diese Sorge verfliegt bei der Lektüre aber allmählich. Zwar fehlt mit der Flüchtlingsgeschichte aus "Altes Land" die ganz große historische Einbettung und damit die Qualität zum Jahrhundertroman, die Geschichte um ein fiktives nordfriesisches Dorf und seine kuriosen Menschen sind aber ein Zeugnis des Lebens und Wandels in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wieder brilliert Hansen mit der authentischen und stilistisch gelungenen Integration der plattdeutschen Figurenrede in den hochdeutschen Erzählbericht. Wieder wählt sie die personale Erzählhaltung, welche uns - kommentarfrei - die Innenschau in alle handelnden Figuren ermöglicht. Die Wertungen entstehen in unserer Phantasie - die Leerstellen interpretierend füllend.

Ja, Hansen versteht ihr Romanhandwerk: Die 22 Kapitel sind sinnig strukturiert, stets mit Schlagerzeilen von den Schnulzen der 50-er Jahre (Heidi Brühl, Freddy Quinn!) bis zum Country Neil Youngs überschrieben und leitmotivisch ausgestaltet. Sie sind kleine Episoden, die sogar als Kurzgeschichten ein Eigenleben führen könnten. Die Kapitel wechseln vom fiktiven Dorf Brinkebüll mit den Hauptdarstellern Sönke Feddersen und seiner nicht ganz sauberen Familie in die aus der Zeit gefallene Intellektuellen-WG in Kiel, wo der Sohn Ingwer (eigentlich ist es der Enkel!) als Archäologe in einer Dreiecksbeziehung lebt. Bei jeder 100 km-Heimfahrt nach Brinkebüll spürt - und ja, riecht - man den Stallgeruch. Seine tiefe Heimatverbundenheit mag von der Autorin entliehen sein und macht deutlich: Es handelt sich um einen modernen Heimatroman.

Wenn in das Dorf die Moderne einzieht mit der Entwicklung vom Bauern zum Landwirt, mit der Asphaltierung der Dorf-Chaussee, mit den immer größer werdenden Traktoren und Dreschmaschinen, mit dem Verschwinden von Doras Dorfladen und dem für einen geteerten Parkplatz plattgemachten Stall Sönkes, schwingt immer bei der Autorin und beim Leser ein gehörig Stück Nostalgie mit. Es verschwindet aber auch die Verschwiegenheit und Verlogenheit, so dass die Figuren mit den Brüchen in ihren Biographien ein Stück weit ehrlicher umgehen können, die heimlichen und verheimlichten (obwohl es jeder weiß!) Lieb- und damit Vaterschaften werden offener gehandelt. Die Berliner Aussteiger als Neubesitzer der Mühle bringen frischen Wind ins traditionelle Dorf. Das ist auch nötig. Man meint ja, ein ganzes Dorf, besonders deren männliche Einwohner, bestehe nur aus dauerbesoffenen, prügelnden Dumpfbacken: Sadisten und Masochisten. Hinter den abgetackelten Sprüchen, der Schweigsamkeit und Brutalität der Menschen steckt aber nichts anderes als eine große Einsamkeit:

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"Er hatte all die Paare tanzen sehen, die nach den Regeln lebten mit Land und Vieh und Kindern aneinander festgeschmiedet. Schneewalzer stumm getanzt, nach fünfundzwanzig oder fünfzig Jahren Ehe, mit steifen Schritten durchgezogen, hinter sich gebracht und abgehakt, so wie das ganze Leben miteinander - durchgezogen, hinter sich gebracht und abgehakt. Jubelpaare, die sich bei ihren Festen nicht mehr in die Augen schauen wollten, die nach dem letzten Takt sofort die Hände sinken ließen. Männer, die mit abgeriegelten Gesichtern an ihrer Silberhaut vorbeigesehen hatten, beim Tanzen in den Saal gestarrt, als suchten sie nach einem Notausgang. Frauen, die verlegen auf den Boden blickten, steif in ihren feierlichen Kleidern, rot glänzend unter ihren Festigerfrisuren und in den Armen ihrer Männer fehl am Platz, seit vielen Jahren schon, vielleicht schon immer. Paare, die sich lange nicht mehr freiwillig berührten, nur auf den Festen noch, bei ihren Ehrentänzen und umringt von ihren Gästen, die in die Hände klatschten und so taten, als tanzten dort tatsächlich zwei aus Liebe miteinander." (S. 137)

Und in der Stadt? Es ist fast schon eine Karikatur der 50-jährigen Architektin samt ihrem aufgeblasenen Gegenüber:

"Ragnhild konnte sie perfekt imitieren. Sie quälte Ronja gern ein bisschen, fragte sie am Küchentisch nach ihrer Meinung zu Kultur und Feminismus und freute sich dann diebisch über die luziden Antworten. >Ja, ne. Pff, keine Ahnung<" (S. 201)

Zusammenfassend liest sich der Wandel zur Moderne so - und man weiß nicht, ob das nun besser oder schlechter ist:

"Die Leute hatten sich das abgewöhnt wie ihre Mittagsstunde, es legte sich jetzt kaum noch jemand hin tagsüber. Sie kamen auch nicht mehr zum Frühschoppen am Sonntag. Die jungen Väter fuhren schwimmen mit der Frau und mit den Kindern oder mussten ihre Sprösslinge zu Fußballspielen fahren. Gingen joggen oder brunchen. Bauten Carports, daddelten an ihren Spielkonsolen. Sie hatten ihre Arbeit ganz woanders, wohnten nur noch in den Dörfern, hatten Hobbys. Sie setzten sich nicht mehr zu Sönke Feddersen in seine Schankstube, rauchten Ernte 23, kippten Bier und Kümmerling, erklärten sich die Welt und hörten Schlager aus der Musikbox Die Bauern, Bäcker, Schlosser, Zimmermänner, die am Mittag oder frühen Abend angetüdert aus dem Gasthof Feddersen gestolpert kamen, zweimal den Strich-Achter abwürgten und dann mit jaulendem Motor im dritten Gang nach Hause fuhren, gab es jetzt nicht mehr in Brinkebüll. Sie waren weg, verschwunden wie die Störche. Bis auf Paule Bahnsen, Sönkes treuen Frühschoppen- und Feierabendgast, den Letzten seiner Art, der immerhin betrunken Dreirad fuhr. Mit Helm." (S. 256)

Michael Seeger, 02.02.2022 top

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