Michael Seeger Rezensionen Forum

 

Maarten 't Hart

Gott fährt Fahrrad:

oder Die wunderliche Welt meines Vaters

aus dem Niederländischen von Marianne Holberg

Arche Zürich-Hamburg 2000 © 1979;

314 S. 37,05 USD

ISBN: 3-7160-2272-1

gelesen November 2019

 

Nachgetragene Liebe (2)

 

Wie bei Widmer sehe ich im Konzept die Haltung, welche Peter Härtling in "Nachgetragene Liebe" ausgestaltet.

Um ehrlich zu sein, war es eines der wenigen Bücher, welche ich nicht zu Ende lesen wollte. Rezeptionistisches Pflichtgefühl hat mich schließlich die langweilige, nichtssagende, literarisch wenig ambitionierte Lektüre finalisieren lassen.

Dieses Pflichtgefühl korrespondiert mit der bigotten, patriarchalisch strengen, protestantischen Lebenswelt des Ich-Erzählers und seines Vaters, wo allerorten en Bibelvers lauert. Wenn man beim Titel noch Ironie erhofft hatte, sieht man sich durchgängig enttäuscht.

Es geht um die - gescheiterte - Begleitung des an Bauchspeicheldrüsenkrebs unheilbar erkrankten Vaters in den Tod durch den Sohn. Allzu gewollt säumen zahlreiche Charonsgestalten den Erzählgang: ein Selbstmörder, tote Fische, ein ertrunkener Junge usw.. Stil- und sinnstiftend arbeitet der Vater auf dem Friedhof, ist also auch (sein eigener?) Totengräber. Quasi als umgekehrte Parzivalfrage ist der Sohn nicht in der Lage, den Vater über den bevorstehenden Tod, von dem er durch ein Arztgespräch weiß, zu informieren; schließlich ist es zu spät, und der Vater, der noch gebettelt hatte "Junge, bleib doch noch ein bißchen." (S. 296), muss alleine sterben.

Der zweite holländische Autor in Kürze enttäuscht, während der erste fesselte. Wagendorp war frech unter der Gürtelline unterwegs. 't Hart dagegen ist wie seine Figuren protestantisch altmodisch-verklemmt.

Leseproben:

"Aber jetzt hörte ich die Aggression darin, sehnte mich danach, mit Musik den bitteren Haß gegen alles zu besiegeln, was länger als sechzig Jahre lebte, während in meinem Vater der bösartige Tumor immer weiter wucherte." (S. 137)

"Aber Gott auf dem Fahrrad? Das kam mir so merkwürdig vor, davon wurde in der Bibel nie gesprochen, und doch war es nicht völlig ausgeschlossen, denn Gott konnte alles. Also auch Fahrad fahren." (S. 253)

Wen das anspricht, der möge das Buch lesen. Ich bewahre eigentlich alle Bücher auf. Dieses aber bleibt in der FeWo in Kapstadt stehen.

Michael Seeger, Kapstadt, 14. November 2019

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