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Bert Wagendorp

Ventoux

(aus dem Niederländischen v. Andrea Ecke) Random House München 2019 (btb 71689) 314 S., 10,00 EUR

ISBN 978-3-442-71689-0

gelesen September 2019

 

Wagendorp

Nur für rennradfahrende Männer!

Auf der Basis eines Drehbuchs hat der passionierte Rennradfreund
einen komplex verschachtelten Roman gestaltet.

 

'Wie geht's denn so? Kriegst du ihn noch hoch?'

Und das ist das Schönste an alten Freundschaften. Nach gut einem Vierteljahrhundert, in dem man sich aus den Augen verloren hat, spricht man sich wieder, und der gelehrte Freund möchte als erstes wissen, ob man noch einen hochkriegt." (S. 18f)

Schon zu Beginn ist klar: Kein Frauenbuch! Die derb-banale sexualisierte Kommunikation unter fünf Männerfreunden bleibt über 300 Seiten erhalten. Das ist aber nicht alles, sonst wäre es zu trivial.

"Das Fahrrad ist ein Wundermittel gegen Verzweiflung." ( S. 13)

Der Erzähler und seine Figuren wissen alles über Eddy Merckx, Thierry Claveyrolat, der sich 1999 erschoss, nachdem er einen tödlichen Unfall verursacht hatte, über Kompaktkurbeln, Stundenweltrekord, Zahnkränze, Rahmenformen, Kletterspezialisten, ärobe Schwelle, Renntaktik, Kettenreinigung. Kurz: neben der Romanhandlung ist das Buch also auch eine Einführung in das Rennradfahren und für den Kenner eine Erinnerung, wie er sich in den 80-er Jahren dieses Wissen mit seinem "Konopka" angeeignet hat.

Die Fabel ist nicht einfach zu berichten, weil mehrfach - durchaus kunstvoll - erzähltechnisch verschachtelt. Im Jahr 1982 brechen 5 niederländische 18-jährige Freunde samt Laura, die von allen geliebt und begehrt wird, auf in die Provence, um den Mont Ventoux mit dem Rennrad zu "bezwingen". Dass Laura den selben Vornamen wie Petrarcas Muse trägt, hat seinen Sinn. Vor der Abfahrt schläft Laura mit dem Ich-Erzähler, Laura, die eigentlich die Muse (und was noch?) des genial begabten Lyrikers Peter ist. Der kommt bei der Abfahrt - er ist Rennradnovize - bei hohem Tempo zu Tode. Laura reist überstürzt ab und verschwindet aus dem Leben der Freunde. Die vier Überlebenden treffen sich nach fast 30 Jahren wieder. Sie sind erfolgreich und zugleich gescheitert. Exemplarisch wird das deutlich am Physiker Joost, gerade noch für den Spinoza-Preis nominiert, und schon wissenschaftlich erledigt wegen eines nachgewiesenen Plagiatvorwurfs. Der Ich-Erzähler Bert ist Gerichtsreporter und trifft im Gerichtssaal André wieder, der sich dort als Drogendealer verantworten muss. Am normalsten ist David, ein surinamesischer Reiseveranstalter, der einzige, der vom Radfahren nicht infiziert ist. Laura taucht telefonisch wieder auf und zitiert die Männer in die Provence. Wollen sie die Vergangenheit wiederholen? Jedenfalls soll auch Licht in den mysteriösen Tod von Peter gebracht werden.

Was kommt zu Tage? Peter war irgendwie verrückt als Filmfanatiker italienischer Filme (vor allem Cavanis Nachtprotier und Jenseits von Gut und Böse). Er hatte angefangen, mit Laura die Figuren der Filme nachzuspielen, auch eine Dreiecksgeschichte, weswegen sie damals Bert verführt hatte. Das pygmalionhafte Nachspielen (man assoziiert unwillkürlich Peter Stamms Agnes) führt schließlich in den Tod. Die Freundschaft scheint schier zu zerbrechen, bewährt sich aber wieder beim fast halluzinatorischen Aufstieg zum mythischen Berg. Oben wird es dann kitschig, wenn Laura den Männern ihren 30-jährigen blinden (warum?) Sohn vorstellt. Er hat Peters Züge und trägt den Namen des verstorbenen Großvaters, Willem, einst Betreiber eines Bordellschiffs.

Der Epilog wird in der Er-Perspektive erzählt. Alle haben ihr Leben neu geordnet und treffen sich im Heimatort Zutphen zur versöhnlichen Vorstellung von Berts Buch: Spinoza reißt aus.

Es ist ein Buch über Popmusik, Drogen, italienische Fime, die String-Theorie, Petrarca, den Pygmalioneffekt, testosterongetriebene Männer, das Rennradfahren, die Erinnerung, die Schule, die Wisssenschaft, den Tourismus, vor allem aber ein Buch über die Freundschaft und die Liebe.

Berührend ist die Danksagung des Autors an seine "Liebste": "Sie war für mich das lebendige Vorbild für die intelligente, schöne Frau im Roman.
Und sie war bereit, das höchste Opfer zu bringen: Sie hat zusammen mit mir den Mont Ventoux auf dem Rad erklettert. Das ist Liebe. (S. 314)

Für mich war es ein wunderbare Rekonvaleszenz-Lektüre nach meinem vierten Radunfall. Während ich - ans Haus gebunden - noch meine Wunden lecke, erweckt das Buch in mir eine unstillbare Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe, nach der Provence, Bédoin und natürlich dem Ventoux, den ich auch noch ein viertes Mal erklettern will. Einstweilen widme ich diese Rezension und mein beim Unfall am Freitag, dem 13., geschrottetes Rennrad diesem Vorhaben:

Kuota Totalschaden

Berherzigung

Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Ängstliches Klagen
Wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme
Der Götter herbei!

Johann Wolfgang von Goethe
(1777)

Michael Seeger, 26. September 2019

 © 2002-2019 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 26.11.2019