| Michael Seeger | Rezensionen |
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Max FrischStillerRoman (1953/54) werkausgabe edition suhrkampp 6. Band; Gesammelte Werke in zeitlicher Folge 1949-1946 Band III,2, hrsg. v. Hans Mayer, Frankfurt 1976, S. 359-780 (wieder) gelesen im Dezember 2025 |
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Vor über 70 Jahren konnte Frisch mit dem damals aktuellen Existenzialismus imponieren
und den literarischen Durchbruch feiern.
Wieder einmal ist es eine Literaturverfilmung, welche die Re-Lektüre veranlasst. Stefan Haupts Film STILLER mit den fabelhaften Darstellern Albrecht Schuch, Paula Beer, Stefan Kurt ist für mich der beste des Jahres 2025 und lockte zur Re-Lektüre: Meine Lese-Begeisterung der Siebziger Jahre stellt sich nicht mehr ein. Auch verblasst das Werk neben der fast gleichzeitig eschienenen BLECHTROMMEL. Früher hatte ich beide Groß-Romane auf Augenhöhe gesehen: zu viel Sartre, Camus, Kierkegaard, zu viel hin und her geschwenkte BILDNIS-Problematik, zu starker Druck auf die Moralin-Tube, die bekannte Schweiz(er)-Kritik des Autors ["Ihre Angst vor der Zukunft, ... vor dem Leben, ihre Angst, ohne Lebenssversicherung sterben zu müssen, ... ihre geradezu panische Angst vor dem geistigen Wagnis ..." (S. 548], auch zu viel Redundanz, wenn der Protagonist Anatol Stiller sich in seine Hochstapler-Geschichten flüchtet, vor sich selbst davon läuft, sich in Larmoyanz quält, dass er sich selbst nicht annehmen und Julika nicht lieben kann, stets aber um diese Liebe ringt.
In unserer woken Gegenwart überrascht es - ähnlich wie bei Koeppens TAUBEN IM GRAS - wie unverblümt bei Autoren der Fünfziger ein "alter Neger, der rennt wie ein Affe, ... eine junge Mulattin, schön wie ein Tier" (S. 406) die erzählte Welt schmücken. Stilistisch fällt mir erstmals auf, dass auch die literarischen Schweizer die indirekte Rede im Konjunktiv II gestalten:
"ein Brieflein, worin sie bestätigte, dass sie leider sehr müde gewesen wäre." (S. 439)
Solch indirekte Rede herrscht im Überfluss: Schließlich versucht Anatol Stiller während seiner Untersuchungshaft in umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen, diesen "verschollenen Stiller" und seine Umgebung zu rekonstruieren. "Ich protokolliere" heißt es dann immer wieder. Erzählerisch überzeugt diese Rekonstruktionsmethode so wenig wie bei Lenz' DEUTSCHSTUNDE. Schließlich will uns der Autor ja mehr als die personale Innensicht seines Protagonisten mitteilen; er will moralisch werten und die Figuren aus auktorialer Perspektive beleuchten. Das hat zur Folge, dass man sich, Stillers Hefte lesend, immer wieder fragt: Welche Erzählerstimme ist das jetzt, wenn Stiller als "dieser unselige Mensch" bezeichnet, als "neurotisch" qualifiziert wird? (S. 460). Viele erzählte Begebenheiten, viele Reflexionen über die Welt, die Ethik, die Ästhetik können gar nicht der Figur Stiller entspringen. - Vor 50 Jahren las ich darüber hinweg, heute stört es als narrativ unsauber. Da hülfe es auch wenig, wenn ich den Ich-Erähler als "unzuverlässig" bezeichnete, was er zweifellos ist. Nicht nur erzähltechnisch überzeugt "Homo faber" mehr: auch dort lesen wir das Geschehen als Walter Fabers "Bericht" - die personale (unzuverlässuge) Erzählhaltung ist aber konsequent und eindeutig durchgehalten. Die "Moralpredigt" ergibt sich dort durch das Nicht-Gesagte.
Hier im STILLER wird aber zu viel gesagt. Die Nacht vor Julikas Tod redet Rolf, der Staatsanwalt (warum ist er eigentlich Stillers "Freund"?), mit dem immer mehr betrunkenen Stiller. Das dauert bis drei Uhr in der Früh und wird über 20 Seiten hinweg erzählt, so dass wir einer Zeitdeckung der Erzählten Zeit mit der Erzählzeit nahekommen. Im Vollsuff ist Stiller in der Lage und wird von Rolf immer wieder dazu animiert, die existenzialistischen Kierkegaard-Gedanken aufzunehmen und - wen auch lallend - sogar zu formulieren. Schließlich zieht Rolf auch noch den lieben Gott heran zur Selbsterkenntnis Stillers:
"Es macht dich stutzig, dass du selber noch darum flehen mußt, glauben zu können; dann hast du einfach Angst, Gott sei deine Erfindung. ..." ( S.776)
Auch bei mir war es drei Uhr, als ich durch war. Der Roman ist ermüdend. Wer sich aber mit Max Frischs Früh- und Hauptwerk befassen möchte, der gehe in den fabelhaften Film von Stefan Haupt!
Michael Seeger, 31.12.2025 ![]()
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