Zu viel gesagt

06. November 2013

Als „Meister der Aussparung“ kündigt die Badische Zeitung die heutige Lesung im Freiburger Theater an. Seine Texte ließen „viel Luft für Interpretation“. Ich gehe nicht hin. Besser, Stamm hätte diesen Roman ausgespart. Er führt uns nicht über unser Alltagserleben hinaus (Der Metzger im Dorf empfahl ihr einen Rinderschmorbraten und erklärte ihr ausführlich die Zubereitung, S. 236). „Sog“ und die „Spannung“, welche die FAZ beschwört, habe ich nicht erlebt, eher Langeweile, Klischee und trivialen Kitsch. Dass die Protagonistin „Gillian“ nach ihrem Unfall, bei dem sie das Gesicht verliert (Ist damit nicht schon alles verraten?), sich dann „Jill“ nennt, sagt bereits alles: Es geht um die Wandlung eines Menschen aus der Lifestyle-Welt zu einer doch recht mittelmäßigen Frau. Ihre Mitgliedschaft in „der Programmkommission des Kulturzentrums“ ist ihre „letzte Verbindung zum Kulturbetrieb.“ (S. 175). Ansonsten koordiniert sie die Freizeitaktivitäten in einem Engadiner Clubhotel.

Männerphantasien

Es fällt auf, welch kuriose Frauengestalten Peter Stamm entwirft. Sie definieren sich den (geliebten?) Männern gegenüber selbst als Objekte: Agnes, Iwona („Sieben Jahre“) und jetzt eben Jill. Warum sind sie ihrem Männern hörig? Woher kommt diese Obsession, hier gegenüber dem doch eher unsympathischen Photographen und Maler Hubert: „Er rückte sie zurecht oder drehte sie um wie einen Gegenstand. (S. 225).? Und: Hat dieser Autor die Liebe nicht schon einmal poetischer beschrieben als hier?: „Hubert bewegte sich immer schneller, dann stöhnte er laut, zuckte ein paar Mal zusammen und ließ sich auf sie sinken. Nach einer Weile richtete er sich wieder auf und trat einen Schritt zurück. Jill spürte, wie sein Sperma an ihrem Bein herunterlief. (S. 216). In welchem Genre befinden wir uns eigentlich? Warum diese Obsession? Sie konnte sich nicht erklären, was sie an Hubert anzog“ (S. 112). Bevor der Leser Antworten versucht, gibt sie der Autor kommentierend gleich mit: „Sie wollte spüren, wer sie war (S. 112). Aha!

(Selbst)bildnisse

Was soll der Leser noch interpretieren, wenn der Autor bereits alles sagt? Wo sind die Leerstellen, deren Meister Peter Stamm doch eigentlich ist? „Gillian hatte immer gewusst, dass …sie irgendwann bezahlen musste für alles. Jetzt hatte sie bezahlt (S. 16). Nachdem der Unfall ihr den Mann und die Nase genommen hat, fragt sich die Protagonistin: „Werde ich das sein?“ (S. 29). Aha, da muss sich ein Mensch vom glitzernden Glamour zu mittelmäßigem Leben herunterdefinieren: „Ihr Leben vor dem Unfall war eine einzige Inszenierung gewesen (S. 44).

Das kennen wir aus „Agnes“, die Unschärfe und die Macht der Bilder, der Fiktionen, der Geschichten: „Erst in der Aneinanderreihung der Bilder entstand die Unschärfe, die einen Menschen ausmacht (S. 48)“. Wer bin ich? Julien benutzt zur anonymen Annäherung an den Künstler Hubert die fiktive E-Mail-Adresse „Fräulein Julie“, „als sei sie tatsächlich eine andere (S. 59). Und Fragen, die sich beim „Meister der Aussparung“ eigentlich der Leser stellen sollte, liefert die Protagonistin gleich frei Haus: „Was ist die Wirklichkeit?, fragte Gillian.“ (S. 66). Hubert aber „hatte sich ein ziemlich genaues Bild von ihr gemacht“ (S. 67). Und angetrunken „musste Gillian manchmal über die zwei Gesichter im Spiegel lachen“ (S.81f). „Sie hatte irgendwo gelesen, dass die meisten Menschen ein ganz unrealistisches Selbstbild hatten“ (S. 93f). Déjà vu in Agnes: „Das würde dir Angst machen, nicht wahr, sagte sie, dass du mit deiner Kunst einen Menschen töten könntest“ (S. 186).

 Wandlung zur Befreiung

Jedes (literarische) Leben habe eine geheime, tiefere Bedeutung sagt Orhan Pamuk. In Stamms Roman ist dies die Wandlung Gillians. Leider ist sie nicht geheim. Denn sie sagt zu Hubert: „Die Vorstellung, dass ein Mensch etwas Abgeschlossenes ist wie ein Stuhl oder ein Tisch, ist absurd (S. 188). Ein kurzes, schlichtes Zusammensein mit Hubert hat dann auch tatsächlich eine heilsame Wirkung: „Es kam ihr vor, als hätte sie niemals einen Unfall gehabt (S. 232). Fast emotionslos verarbeitet Gillian danach, dass Hubert sie verlässt und zu seiner Ex zurückkehrt, sie verarbeitet es, indem sie seine Bilder bekritzelt: Sie löschte das Bild aus, so als bettete sie ihren schutzlosen Körper zur Ruhe unter einer Schicht von Graphit, ein Fossil, das niemand je entdecken würde (S. 239). „Sie fühlte sich wie als Kind, wenn sie beim Versteckspiel entdeckt worden war. Nach den atemlosen Minuten im Verborgenen war es wie eine Erlösung, sie konnte sich wieder frei bewegen, es war alles nur ein Spiel gewesen. Sechs Jahre lang hatte sie sich hier oben versteckt und gar nicht bemerkt, dass niemand sie suchte. … Das Spiel war zu Ende, sie war frei und konnte gehen, wohin sie wollte (S. 250-252).  

Diese Selbstbefreiung und Initiation nach einer drogenbestückten Open-Air-Tanznacht scheint fast – nicht nur wegen des alpenländischen Ambientes - dem Kapitel „Schnee“ im „Zauberberg“ nachgestaltet, erreicht aber, weil zu viel gesagt ist, weder die Dichte Thomas Manns noch die in karger Sprache bestens beschriebene Gebrochenheit der Protagonistin in Heins „Drachenblut“.  

Christoph Hein liest morgen, einen Tag nach Peter Stamm, in Freiburg.  

Da gehe ich hin.



© 2013 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 06.11.2013