Michael Seeger Rezensionen Forum

Autor

 

Jürgen Osterhammel

Die Verwandlung der Welt

Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts

(C.H. Beck) München 2009

1568 S. 49,90 EUR

ISBN: 978-3-406-61481-1 gelesen 2015-2020

 

Summum Opus

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Europa ist nicht alles!


"Summum Opus"? Ob für Jürgen Osterhammel weiß ich nicht. Für mich auf jeden Fall. Noch nie habe ich 5 Jahre gebraucht, um mich durch ein Buch durchzuarbeiten, es zu studieren, mich davon anregen und begeistern zu lassen. Wahrscheinlich hat das länger gedauert als Osterhammels Schreiben. Meine Bewunderung für den Autor ist kaum zu beschreiben.

Zunächst einmal das Äußerlich-Faktische: 109 Seiten Anmerkungen, 104 Seiten Literaturverzeichnis, 43 Seiten Register legen Zeugnis davon ab, welche wissenschaftliche Breite, welche Akribie das Werk auszeichnen. Dabei hatte Osterhammel keinen Forscherstab zur Seite, wohl aber einige Forschungssemester für seine beeindruckende Solo-Arbeit. Mit Raimund Bezold hatte er bei C.H. Beck einen hervorragenden Lektor. Auf 1.568 Seiten entdeckte ich keinen einzigen Sprach- oder Formatierungsfehler - ein einmaliger Befund. (vgl. dagegen die Schlampigkeit bei Harari!)

Immer wieder fand ich meine Geschichtskenntnisse im Buch zu wenig gewürdigt: Wiener Kongress, Marx, 48-er Revolution, Kulturkampf, Deutsche Reichseinigung, Wilhelminismus usw. Was lerne ich daraus? Weltgeschichte ist mehr als eine europäische oder gar nur deutsche Perspektive! Statt über Bismarck und Lasalle lese ich Neues, kaum Einzuordnendes über Burma, Japan, das Osmanische Reich und immer wieder Indien. Ja, es gibt in asiatischen und amerikanischen Regionen durchaus Nachahmungen der europäischen Prozesse - zum größten Teil handelt es sich aber um ganz eigenständige Entwicklungen.

Wenn ich fünf Jahre brauchte, um mich durchzuarbeiten, heißt das keineswegs, dass das Konvolut ein Dschungel sei. Es ist vielmehr klarstens strukturiert mit den Großkapiteln "ANNÄHERUNGEN"; "PANORAMEN"; "THEMEN": Großartig der Zeithorizont: "Wann war das 19. Jahrhundert?". Spannend, was wir z.B. über London erfahren, wie es bei wachsender Mobilität im Pferdemist schier erstickte. Aufschlussreich die zentrale Kategie "Frontiers", die überall, nicht nur in den USA, wirkmächtig wird: in Südamerika, Asien und auch Afrika.

Bei aller Sachlichkeit und Informationsdichte wird diese Geschichtserzählung nie trocken-langweilig. Trotz höchster akademischer Präzision und stetiger Differenzierung kann Osterhammel eine gut lesbare Syntax bieten. Die Darstellung wird durchaus auch unterbrochen durch Urteile vom Standpunkt einer humanitär-antirassistischen Grundhaltung aus.

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Welche Leseprobe soll ich geben? Vielleicht die über den Kleinbürger:

"Was ist damit gewonnen, wenn man einen Silberschmied in Isfahan oder den Besitzer eines Teehauses in Hankou als 'Kleinbürger' bezeichnet? Auch der Beiklang des Pejorativen, der zur deutschen Steigerungsform des Kleinbürgers, dem Spießer, führen kann, lässt sich in anderen Zusammenhängen nur schwer vernehmen. (...)
Der Kleinbürger hat nicht den Ehrgeiz, Urheber und Träger einer überlegenen Kultur zu sein. Daher investiert er nicht viel von seinem kulturellen Kapital in Bildung."
(S. 1083f)

Ich verneige mich vor einem großen Geist - und da er in meiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnt, hoffe ich, ihm eines Tages auf der Straße zu begegnen, auf dass ich ihm meine Hochachtung kundtun kann.

Michael Seeger, 28. November 2020

 © 2002-2020 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 28.11.2020