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Lutz Seiler: Kruso

Suhrkamp, Berlin 2014, 483 S., 22,95 €

gelesen in 3 Tagen im Oktober 2014

 

 Bildreiche lyrische Sprache

Der bislang hauptsächlich als Lyriker bekannte Autor entfaltet in seiner ungewöhnlich bildreichen lyrischen Sprache mit nie gelesenen Syntagmen eine eigene Sprachwelt: „Die Insel nahm Kurs durch den Nebel seiner ungestillten, grenzenlosen Begierde.“ Wem verdankt Seiler dies außer dem eigenen Genius? „Aus Edgars „Beständen“ summen Zeilen von Jürgen Becker, Friedrich Nietzsche, Gottfried Benn und Peter Huchel in den Text.“
Neben der neu geschaffenen Sprachwelt erscheint Hiddensee, das ich kurz vor der Lektüre im spätsommerlichen Nebel erlebt hatte, als utopischer Fluchtpunkt vieler intellektueller DDR-Schiffbrüchigen, die Krusowitsch um sich sammelt. Wenngleich sehr viel autobiografisch erlebt ist, mag man kaum glauben, welche Autonomie die Kruso-Gruppe im „Klausner“ entfaltet und lebt. Dabei wird dem ekligen „Abwasch“ des Helden dann doch zu viel – auch redundante – Aufmerksamkeit geschenkt. Die Leichtigkeit des Beginns gleitet mehr und mehr in die persönliche Tragik der Figuren in einem untergehenden System. Die Recherche in Dänemark, die der Epilog dokumentiert, macht ob des dreifach „Verschwunden“ sehr, sehr betroffen. Da hilft nicht einmal mehr Trakls Lyrik (an dessen 100. Todestag).

Der Deutsche Buchpreis für Seiler ist verdient, wenngleich er besser schon vor Jahren den Huchel-Preis bekommen hätte, den der Huchel-Hausverwalter aus Brandenburg jetzt wohl nur noch schwerlich bekommen kann!

Michael Seeger, 03. November 2014

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