| Michael Seeger | Rezensionen | Forum |
Husch Josten Der tadellose Herr Taft Roman © University Press, Berlin 2014 , Piper (TB 31335) München 2019 272 S., 11 € ISBN 978-3-492-31335-3 gelesen: März 2026 |
![]() |
Unerhört!
Charmant und witzig-tragisch ist die Idee: Der für einen renommierten Immobilienkonzern als "Hausmeister" tätige tadellose Herr Taft findet nach einem Flug von Berlin nach Paris, die gemeinsame Wohnung leer. Seine Ehefrau Veronika ist spurlos verschwunden. Später erfährt der Leser, dass das Paar erst 4 Monate verheiratet ist nach einem äußerst kurzen Kennenlernen - voller Erotik. Warum ist sie weg? Wo ist sie hin?
Taft zieht in ihre Herkunftsstadt Köln in der Hoffnung, ihr vielleicht dort zu begegnen. Sein ganzes neues Leben ist der Nachforschung nach der geliebten Ehefrau gewidmet. Wie zum Zeitvertreib eröffnet er einen "Ideen-Laden" in der Altstadt. Ideen in nominalisierter Form wie "Abschied", "Zukunft", "Ungewissheit" hängt er - handschriftlich auf Karten geschrieben - an Schnüre und erzeugt so einen Ideen-Irrgarten. Das hippe Publikum stöbert und kauft - unerwartet - solche Karten zum Stückpreis von 3,50 €. Vom Erfolg der Geschäftsidee ist Taft selbst weniger begeistert, umso mehr die touristische, feuilletonistische und politische Schickeria. Die Fans überhäufen ihn mit Huldigungen, Angeboten und Avancen (etwa: in die Politik zu gehen), die ihn so lange kalt lassen, bis er sich am Erfolg der für ihn geschaffenen TV-Talkshow "Theorie" besäuft.
Das Mitleid des Lesers mit dem Verlassenen hält sich in Grenzen, weil die Autorin das Geschehen schön ironisch mit genüsslich-entlarvenden Beobachtungen der "modernen" Menschen würzt, woran man sich gütlich tut. Josten will aber zu viel: Da gerät eine - erotisch aufgeladenen, aber nicht entladene - Nebengeschichte um die Afghanistan-Soldatin Olivia fast zur Hauptgeschichte, um am Ende aber wieder vergessen zu werden. Ein Kurzbesuch bei deren Vater in Antibes wird zum euro-politischen Disput ausgeweitet. Olivias Vater, ein in Sachen Völkerrecht tätiger Professor belehrt Taft, und damit uns Leser, über Demokratie, Internationalismus und die europäische Idee. Wir lernen dabei erneut, wie Deutschlands Freiheit auch am Hindukusch verteidigt wird. All das erinnert an Menasses "Die Hauptstadt", ereicht aber nicht dessen litararische Qualität. Und plötzlich taucht da im Roman eine Ich-Erzählerin auf, Eugenia Henderson, ein Immobilienmogul. Es werden also weitere, z. T. thrillerhafte Fäden gesponnen, ohne echt aufgelöst zu werden. Darüber vergisst man fast die verschwundene Veronika. Und siehe da, gegen Ende des Buches taucht sie überraschend in Köln auf. Ehe Taft selbst seine Frau verlässt, haben die beiden noch einen banal-trivialen Dialog:
"Sie sah berückend aus. Ihre Gesichtszüge liebenswert. Ihr Mund eine Verheißung. Du hast recht, erwiderte er ruhig. Wir haben uns nicht gekannt.
Er ließ sie los. Überlegte, ob er sie ein letztes Mal küssen sollte. Tat es und überquerte die Straße." (S. 257)Bei Schiller geht das so. "Und sprach's und schiffte schnell sich ein."
Schade um zu viel Trivialität, schade um zu viel erzählerische Verspinnung. Die anmutend-novellistische Idee, das unerklärte Verschwinden der Ehefrau und die therapeutische Verarbeitung des Traumas im Ideen-Laden, verliert ob aller Überladung an Glanz ... und schließlich auch das Interesse.
Michael Seeger, 14.04.2026
© 2002-2026 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 14.04.2026