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Heinrich Mann: 

Die Jugend des Königs Henri Quatre

Fischer 52012 (FT 90151) 676 S., 14,99 EUR

gelesen März 2019

 

Mann

Macht und Religion generieren Hass, Mord und Totschlag

 

"Indessen durfte er (Henri) nicht gnädig sein, denn auf einmal wurde bekannt, daß dieselben Katholiken sich ganz abscheulich aufgeführt hatten in der Stadt Mantauban. Nicht damit zufrieden, sechs junge Protestantinnen zu vergewaltigen, hatten einige Wüteriche 'die Natur der Unglücklichen mit Pulver gefüllt', hatten es angezündet, und sechs schöne und fromme Mädchen waren in Stücke zerrissen. Daher wurden jetzt dreihundert Gefangene ohn Erbarmen niedergemacht." (S. 515f)

Man glaubt, inmitten eines modernen Religionskrieges beim IS zu sein! Was für Zeiten! Besonders die dem Roman zugrundeliegenden Religionskriege in Frankreich fördern bei mir mein "ceterum censeo" zu Tage: Besser wäre, es gäbe keine Religionen.

Seinen historischen Roman hat Heinrich Mann exzellent recherchiert und - romanadäquat - mit Übertreibungen übersteigert. So etwa ist nicht verbürgt, dass Jeanne III. von Navarra, Henris Mutter, tatsächlich von Katharina von Medici vergift wurde. Verlassen wir also die Historie und bleiben beim Roman und akzeptieren dessen fiktionale Wahrheit: Da herrscht ein Hauen, Stechen, Morden, Intrigieren, ein Fliehen, ein sich Verstecken; da schwingt die Rache ihr Schwert, da fließt Blut in Strömen - nicht nur in der Bartholomäusnacht. Vom Charakter her und aus politischem Kalkül absolut böse erweist sich die Königinmutter Katharina von Medici, welche der auktoriale Erzähler im inneren Monolog planen lässt:

"Ich brauche bald wieder ein Gemetzel, die Protestanten geben keine Ruhe, nicht einmal nach der Batholomäusnacht. Dann müssen sie eben noch eine haben. Guise soll die Katholiken aufhetzen, und dir (Henri) erlaube ich, die Hugenotten wild zu machen." (S. 371)

Hass und Gewalt sind allgegenwärtig, auch bei den Unterschichten:

"Welch ein Übermaß von Haß mußte sich angehäuft haben in den Menschen desselben Volkes - nicht gegen die Religion, sondern gegen ihre Bekenner, wenn ein bäurischer Mann aus seinem Kamin den glühenden Scheit reißen konnte in mörderischer Absicht, nur weil sein Gast ein Hugenotte war!" (S. 184)

Henri indessen, um dessen Weg zum Französischen König der Roman sich dreht, will sich lange Zeit nicht mit der Gewaltspirale beschäftigen; er hat andere Antriebe:

"Mit achtzehn Jahren, einige kurze Monate lang sagt er: Ich habe genug getan fürs Leben! Die Frauen sind so schön, und ihrer sich anzunehmen ist ergiebiger als der Krieg, der Glaube und der Weg zum Thron." (S. 74)

Und tatsächlich vernascht Henri quasi Nacht für Nacht - vor und in der Ehe mit Margot von Valois - sowohl zahllose Edelfräulein am Hofe als auch einfache Bauernmädchen auf dem Lande. Die donjuanhafte Getriebenheit und sein Hedonismus lenken ihn gefährlich von seiner politischen Aufgabe und der Wahrnehmung allgegenwärtiger Gefahren ab. Wird doch immer ein Messer gewetzt, eine Kanone in Stellung gebracht, ein Dolch unterm Gewand hervorgezogen. Sein treuer Berater Mornay muss ihn mahnen:

"Heute will es die Stunde, Sire, daß Sie eine Liebschaft haben mit der ganzen Christenheit, und im besonderen mit Frankreich." (S. 487). Indessen "verehrte Henri das ganze Geschlecht." (S. 500)

In all dieser erotischen Aufgeladenheit können wir ein gutes Stück von Manns eigener Orientierung gespiegelt sehen.
In gewisser Weise handelt es sich um einen Entwicklungsroman. Die beiden Bände (I "Jugend", II "Vollendung") erinnern doch stark an Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre. Durch die Zeitläufte, durch politischen Entscheidungszwang und durch seine Mentoren kommt der junge Mann mehr und mehr seiner Bestimmung nach, beeindruckt als nimmermüder tapferer Feldherr, wird je länger je mehr von Tugend erfasst, wirkt als Vorbild und mausert sich schon als Jugendlicher zum späteren "guten König":

"Henri mißachtete hiernach die Gesetze des Krieges, da er weder hängte noch plünderte; ja er untergrub das menschliche Zusammenleben, er tafelte an demselben Tisch mit arm und reich. (S. 521) Es ist eine Gattung Mensch: die will die düstere Gewalt, die Erdenschwere, und Ausschweifungen liebt sie im Grauen und in der unreinen Verzückung, Das werden seine ewigen Gegenspieler sein, er aber ist ein für alle Male der Abgesandte der Vernunft und des Menschenglückes. (S. 541, Hvhbg. M.S.) Wegen seines Lachens blieb man bei ihm, ob es Geld gab oder keins, ob gegessen wurde oder gefastet. Er machte sogar mehrere Pastoren fröhlich ...." (S. 589)

Erzähltechnisch wechselt Mann unbekümmert die Perspektive, bringt mal die Innenschau einer Figur, ist mal dem sachlich-lakonischen Erzählbericht des Chronisten verhaftet, wertet und kommentiert als allwissender Erzähler und Moralist, lässt die Figuren immer wieder in Suaden des inneren Monologs phantasieren und erleben, wechselt von der Alltags- in eine höfische Sprache, schreibt ordinär und gehoben, wechselt vom Präteritum ins Präsens und wieder zurück. Gelegentlich meint man, einen expressionistischen Telegrammstil zu entdecken:

"Piff paff, und ein Sturz von der Treppe. Der Wachposten im Hof hat geschossen: kein Sacremore mehr. Schade. Tapferer Kerl, und ich hätt ihn ehrlich gemacht." (S. 609)

Mir als Leser scheinen die diversen Stilregister eher willkürlich gesetzt, Funktionalität der Mittel, einen Plan oder eine Intention erkenne ich nicht. Roland Rall dichtet unserem Autor im KINDLER mehr historische Anspielung an, als ich entdecken kann. So soll Henri Guise die Züge Goebbels tragen. Vielleicht meint Rall solche Passagen:

"Dieser Ehrlose wagte einem Mann, der gekämpft hatte, die richtige Gesinnung anzuempfehlen und ihm mit der Voksgemeinschaft zu kommen, wie es die Gewohnheit der Ehrlosen ist." (S. 635)

Was mich "nervt", das Lesen holprig macht und damit erschwert, ist Heinrich Manns eigenartige Syntax, die manchmal anmutet, als sei sie durch (schlechte) Übersetzung aus dem Französischen zustande gekommen. Er vermeidet die Satzklammer, die Endstellung des Verbs im Gliedsatz und die gewohnte Stellung des Akkusativobjektes:

Im Regal steht Band II, die "Vollendung" und wartet seit 45 Jahren auf die Lektüre. Werde ich zum zweiten Band greifen? Vorerst nicht! Neben allem historischen Interesse, welches Heinrich Mann befriedigt, neben moralischer Integrität, die der "Zivilisationsliterat" (Thomas über Heinrich) bedient, enttäuscht doch die mangelnde Poesie, reißt keinerlei stilistischer Glanz den Leser mit, langweilt auch die allzu ausschweifende Detailversessenheit. Man vermisst das raunende Imperfekt des Bruders, von dem man sich gerne wieder in dessen mythischen Bann ziehen lässt.

Michael Seeger, 05. April 2019

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