Michael Seeger Rezensionen

Capus

Alex Capus

Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer

Roman

Hanser München 2013 /
dtv (14374) München 2015, 282 S.

9,90 €  ISBN 978-3-423-14374-5

Cover

Geschichte und Geschichten

 

Mein Favorit unter den zeitgenössischen Schriftstellern Alex Capus zeigt auch in diesem Roman seine Kunst, die man durchaus als sein Alleinstellungsmerkmal bezeichnen kann: Die Verzahnung von historischen Tatsachen, welche durch sorgfältige Recherche gewonnen wurden, mit der Biographie seiner Figuren, vorgetragen in lakonischer, meist sehr amüsant wirkender Sprache.

Drei Biographien werden parallele erzählt: die des Künstfälschers und Mythenbildners Emile Gilliéron (Vater und Sohn), die der Sängerin und späteren Spionin Laura d’Oriano, die des Schweizer Atomphysikers Felix Bloch. Verzahnt und damit erzähltechnisch zusammengehalten sind die drei Lebensläufe allein schon durch die Zeitläufte. Der Geist des Pazifismus in der Zwischenkriegszeit gerät mehr und mehr ins Hintertreffen vor dem aufkommenden Faschismus, der im Zweiten Weltkrieg endet: Laura wird als einzige zum Tode verurteilte Frau im faschistischen Italien tatsächlich auch als Spionin hingerichtet, während Bloch, der Miterbauer der amerikanischen Atombombe sich damit trösten kann, dass sein Beitrag zur Entwicklung der MRT „weitaus mehr Menschen das Leben gerettet hat, als die Atombombe jemals zu töten vermochte.“ (S. 282)

Wenn also drei real-fiktive Biographien über zwei Jahrzehnte hinweg so schön durch die Weltgeschichte zusammengehalten sind, wenn die historischen Fakten so authentisch daherkommen (“Laut Auskunft der französischen meteorologischen Anstalt war die Nacht vom 11. auf den 12. Dezember 1941 nicht ungewöhnlich kalt …“ (263), dass man nie weiß, ob es sich nun um Geschichte oder Geschichten handelt, fragt man sich, wozu der auktoriale Erzähler noch künstliche Wendungen wie diese benötigt: „Man kann sich vorstellen, dass …“ (231 et al) oder „Man weiß nicht, wie ….“ (248)  oder „Man kann vermuten, dass …“ (269). Ein kurzes „vielleicht“  genügte ja auch. Völlig überflüssig erscheint, dass sich Capus als architektonischer Konstrukteur gar in Ich-Form einschaltet: „Ich stelle mir vor, wie …“ (11), „aber ich wünschte es mir.“ (23). Da der Ich-Großmeister danach verschwindet, kann man davon ausgehen, dass das Lektorat diese Ausrutscher tatsächlich übersehen hat.

Ungeachtet dieser Petitessen kann man den Roman nur loben: zunächst den spannenden Plot: Wie da Schliemann autoritär graben und feiern lässt, wie Arthur Evans vom selbsterfundenen Narrativ begeistert den Mythos von der matriarchalischen Minoischen Kultur von Knossos in die Welt setzt, wie er noch heute in jedem Reiseführer nachgelesen werden kann. Wie er enthusiasmiert die „Universen gähnender Leere“ (148) zwischen den dünnen wissenschaftlichen achäologischen Fakten mit überbordender Phantasie füllt, wie Oppermann als patriarchalischer Partylöwe den Gesprächspartnern ins Wort fällt.

Neben der Story begeistert Capus aber besonders mit seiner meist ironisch kommentierenden Sprache: „… diese blauäugige Ding, das so unverschämt französisch aussah und wahrscheinlich noch nicht einmal zu fasten brauchte, um so gertenschlank zu sein, wie sie ungerechterweise war.“ (195)

Die Lakonie des Romanciers erzeugt dem Leser wunderbare Leerstellen, besonders wo es um Liebe und Tod geht: „Wenn sie Champagner tranken, tranken sie Champagner  …. Und als sie miteinander schliefen, schliefen sie miteinander.“ (105); „Zwei Stunden später aber erwachte seine Frau, weil er (Gilliéron) nicht mehr schnarchte. Und als sie ihn schüttelte, war es schon kalt.“ (227)

Nach zwei Tagen atemloser Lektüre lege ich das Buch zur Seite und freue mich auf Capus’ nächsten Wurf. Und das, so ist man es gewohnt, ist nur „Eine Frage der Zeit“.

 

Michael Seeger, 05. April 2016

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