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Tania Kambouri:

Deutschland im Blaulicht

Notruf einer Polizistin

München (Piper 31006) 2015, 22018, 240 S., 10,00 EUR

ISBN: 978-3-492-31006-2

gelesen November 2020

 

Kambouri

Alarm! Härte gegen muslimische Migranten zeigen!

Mit viel Redundanz entlädt sch der Praxisfrust einer Bochumer Polizistin und legt den Finger in eine weithin ignorierte Wunde.

 

"Ein ambivalentes Buch" formuliert der Deutschlandfunk. Stimmt! Durch TV-Auftritte (z.B. "Hart aber fair") ist die Tochter griechischer Migranten bekannt geworden. Ihren Migrationshintergrund nutzt sie, um den Vorwurf des Rasssismus gegen sie zu entkräften, wenn sie recht undifferenziert Alarm schlägt wegen der Respektlosigkeit und Gewaltkriminalität, welche von "muslimisch geprägten jungen Männern (Türken, Araber, Libanesen)" ausgeht. Im Literaturverzeichnis führt sie die mir bekannten Autoren auf: Hamed Abdel-Samad, Güner Yasemin Balci, Heinz Buschkowsky, Kirsten Heisig, Thilo Sarrazin. Diese Autoritäten dienen mehr als Rechtfertigungsargument für Kambouris Ruf nach "mehr Härte". Ihr Antrieb ist das alltägliche Erlebnis in ihrer Bochumer Polizeipraxis, bei der die Ordnungshüter fast immer "das Spiel gegen die Clans" verlören. Diese Praxiserzählungen kommen im Stil eines "Erlebnisaufsatzes" daher:

Nach einem Einsatz, bei dem es um Angehörige eines libanesischen Clans ging, war ich in (sic!) Nachhinein froh, dass meine Kollegen und ich lebend und unverletzt aus der ganzen Sache rausgekommen waren." (S. 91)

Der Alltagsjargon, die emotionale Aufgeladenheit, der Empörungs-Gestus und Alarmismus stören. Gleichwohl ist Kambouris Botschaft erschütternd und ernüchternd: Durch Wegschauen und Wegducken des Staates und der Medien werden die gewalttätigen Muslime immer frecher und gewinnen immer mehr "ihr Spiel" gegen das Gewaltmonopol des Staates. Multikulti und Sozialromantik sind für Kambouri die Ursache dieses Wegschauens.

Als Kenner von Sarrazins gründlicher Analysen sind mir diese Tatsachen alle bekannt. Trotz der teilweise unerträglichen Redundanz und durchgehenden Unstrukturiertheit, trotz der Alltagssprache in diesem "Ich-Text" liegt der Wert des aufrüttelnden Buches vor allem darin, dass Kambouri nicht um den heißen Brei herumredet, kein Blatt vor den Mund nimmt und mit zahlreichen Beispielen aus der Polizeipraxis die Debatte um die Migration belebt.

Michael Seeger, 12. November 2020

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