Michael Seeger Rezensionen Forum

Pinker

Steven Pinker

Aufklärung jetzt


Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt.

Eine Verteidigung

S. Fischer München 2018; ISBN: 978-3-10-002205-9; 736 S. 26,00 EUR

gelesen März/April 2019

Pinker Cover

Miss, was messbar ist,
und was nicht messbar ist,
versuche, messbar zu machen!

Galileo Galilei

Sapere aude!

Alles ist besser als früher. Die Menscheit insgesamt genießt die Früchte der Aufkärung.

Ein flammend-optimistisches Plädoyer gegen Kulturpessimisten und Apokalyptiker

Wer nach einem intensiv konsumierten und studierten Nachrichtentag Die ZEIT, den SPIEGEL, die SÜDDEUTSCHE beiseitegelegt, nach den TAGESTHEMEN den Fernseher ausgeschaltet hat, um vor dem Einschlafen noch ein Kapitel von Pinkers Apologie der Vernunft zu lesen, muss im Traum zwei völlig verschiedene Welten verarbeiten, besser: konträre Wahrnehmungen ein und derselben Welt. Dass wir die verblüffend optimistischen Zahlen des weltumspannenden status quo, wie sie etwa Hans Rosling und die Gapminder-Stiftung im "Ignoranz-Projekt" vorgelegt haben, gar nicht glauben wollen oder können, liegt an der "Verfügbarkeitsverzerrung": Medien und (linksgrüne wie trump-affine-reaktionäre) Wissenschaft beeinflussen uns rund um die Uhr mit ihren Horrorszenarien.

Wie Rosling hebt also der kanadische Harvard-Professor (für Kognitionspsychologie und Linguistik) Pinker zu einer leidenschaftlichen Apologie der Aufklärung an. Sein salopp-sarkastischer Ton verdankt die leichte und genüssliche Lesbarkeit der "brillanten Übersetzerin Martina Wiese" (S. 643), die mit ihrem "Feingefühl für Logik und Sprache" (ebd.) die frohe Botschaft für uns deutschsprachige Leser so rüberbringt, als handele es sich um einen muttersprachlichen Text: "... selbst die CO2-Emissionen haben die Kurve gekriegt." (S. 170)

Der methodische Schlüssel zur optimistischen Weltsicht ist die Quantifizierung der Wahrheit, welche den Geisteswissenschaftlern so verhasst ist, weil sie behaupten, so könne man Qualität nicht darstellen. Pinker aber wird nicht müde, durch schier endloses Zahlenwerk nachzuweisen, dass es nicht nur mir, sondern der Menschheit insgesamt so gut gehe wie nie. Ich sehe ihn als Adepten der Renaisssance-Menschen Pico de la Mirandola oder Ulrich von Hutten: "Oh Wissenschaften: Es ist eine Lust zu leben!" Was will Pinker? "Die schlechten Nachrichten der letzten Zeit relativieren, indem ich mich wieder an die Daten halte." (S. 203)
Das gigantische Zahlenwerk, visualisiert in ungezählten Grafiken, welches Pinkers Optimismus-Thesen stützt, verdankt er seiner Sammelleidenschaft. Ähnlich wie bei Hattie oder Sarrazin handelt es es sich um eine Meta-Studie, welche sicher den Zweck verfolgt, mit Big Data auch argumentatitiv zu erschlagen. Die vorgelegten Studien sind stark USA-lastig (Kap. 12 "Sicherheit", Kap. 22 "Wissenschaft"), Afrika bleibt auch bei Pinker das, was man früher "Dark Continent" nannte.
Insgesamt sind es vor allem (linke) Ideologien, welche der Wissenschaft - und damit uns - den Blick auf die Wahrheit verstellen. "Evidenzbasierte Forschung" ist daher das Postulat, welches der Prophet mantraartig vorträgt. Ebenso repititiv stellt er klar, dass wir Korrelationen nicht mit Kausalitäten gleichsetzen dürfen!

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Aufklärung ist in der Tat hell: "Eine Satellitenaufnahme von Korea, auf der der kapitalistische Süden in einem Lichtermeer erstrahlt und im kommunistischen Norden die Finsternis regiert, demonstriert nachdrücklich, wie unterschiedlich die Kapazitäten zur Erzeugung von Wohlstand in den beiden Wirtschaftssystemen bei gleichen geographischen, historischen und kulturellen Voraussetzungen sind. (S. 122). Pinker ist ein Kind des Kapitalismus. Und so ist für ihn der Reichtum von Menschen und das Streben danach so etwas wie die Muttertugend, welche Wohlstand, Freiheit, Sicherheit, Demokratie, Gesundheit, Hygiene, saubere Umwelt, Mitgefühl, Glück nach sich zieht. Logischerweise steht Adam Smith ("Der Wohlstand der Nationen", 1776) intellektuell Pate. 'Armut ist der größte Umweltverschmutzer', zitiert er Indira Gandhi. (S. 172). "Wohlstand kauft Leben." (S. 231)

Damit sind wir bei einem Knackpunkt des Buches angelangt, wo Blauäugigkeit und Optimismus - also seinerseits ideologische Konstanten - den Blick auf die problematische Realität verstellen: beim Thema Überbevölkerung des Planeten. Weder geht Pinker darauf ein, dass die Zerstörung unserer natürlichen Ressourcen mit jedem weiteren Erdenbürger wächst, noch geht er den kulturellen und religiösen Gründen für überbordende Reproduktionsraten nach. Neben Frauenbildung fokussiert Pinker vor allem auf den Rückgang der Kindersterblichkeit, der dazu führe, dass das Bevölkerungswachstum abgebremst werde: "Eltern müssen nicht mehr massenhaft Nachwuchs produzieren, um den Tod einiger ihrer Kinder auszugleichen." (S. 165). Hier halte ich der rein ideologischen Argumentation die evidenzbasierte Realität entgegen - am Beispiel Niger: Dort ist die Kindersterblichkeit von 2007 bis 2017 von 148,7 auf 84,5 (jeweils pro 1.000 Geburten) gesunken, also um beachtliche 43,4 %.1 Die Fertiltätsrate, die nach Pinker massiv zurückgehen müsste, ist zwischen 2005 (7,65 Kinder/Frau) und 2015 nur ganz geringfügig auf 7,4 gesunken2. Dies führte logischerweise zu einer wahren Bevölkerungsexplosion. Die Bevölkerung stieg im Zehnjahres-Zeitraum an von 14,67 Mio im Jahre 2007 auf 21,48 Mio im Jahre 2017, also um satte 46,4% 3.

Bevölkerungsexplosion Niger

Das ist Datenbasierung statt Ideologie! Die Ursache dafür, dass der Pinker-Effekt hier nicht eintrat, liegt eben in den kulturell-religiösen Prägungen.4

Das Kapitel "Umwelt" offenbart sowohl Schwächen als auch Stärken. Die Lösung für das Klima sieht Pinker in der Atomkraft, argumentiert dabei mit den wenigen Toten selbst der schlimmen Atomunfälle von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima, findet aber die jahrtausend währende radioaktive Verstrahlung keines Blickes für würdig. Die Vermüllung der Ozeane und damit der Nahrungsketten mit Mikroplastik kommt bei Pinker nicht vor. Dagegen imponiert die Betrachtung der "Dematerialisierung": "Entkoppelung der Produktivität von Ressourcen: aus weniger Materie und Energie mehr Nutzen für die Menschen gewinnen." (S. 178). Sein Beispiel Smartphone ist dabei ebenso überzeugend wie der Verweis auf den Stuttgarter Architekten (Nachhaltigkeit!) Werner Sobek, den ich hier hinzufüge.
Bei den meisten Aspekten ist Pinker keineswegs blind für die Gefahren und Probleme, welche die Apokalyptiker beschwören, er zeigt aber auch auf, dass und wie die wissende Menscheit immer wieder Lösungen für die (selbstgemachten) Probleme gefunden hat und auch für die Zukunft erfolgreich daran arbeitet: weniger Smog in den Großstädten, weniger Verkehrstote, weniger Tote bei Naturkatastrophen, weniger Morde, bessere Ernährung und Gesundheit, längeres Leben in lebenswerter Umgebung, Ausweitung der Bildung auf das weibliche Geschlecht, Rückgang des Ozonlochs und des sauren Regens.

Die USA und ihre Bevölkerung hängen in vielen Parametern zurück, mehr als die Wohlstandsbasis eigentlich erlaubt. Das wird evident in den Aspekten Selbstmordrate, Glück, Angst, Pessimismus, Wirksamkeit von Verschwörungstheorien, Vernunftfeindlichkeit. Deswegen widmet Pinker dem Land, in dem er lebt und forscht, besondere Aufmerksamkeit. Er erklärt den katastrophalen Trumpismus als temporären Rückschritt vom erreichten Aufklärungslevel (Kap. 12 und - schwaches - Kap. 18 "Glück"). Besonders geplagt muss der Harvard-Professor von der ihn umgebenden Wissenschaftslandschaft sein, die er mehrheitlich als "ideologisch" und "links" charakterisiert. Man versteht sein Entsetzen, wenn man das Programm einer "feministischen Glaziologie" zur Kenntnis nimmt, welches sich so liest:

'Durch die Vereinigung postkolonialer Wissenschaftsforschung mit feministischer politischer Ökologie erlaubt das feministische Glaziologie-Konzept eine starke Analyse von Gender, Macht und Erkenntnistheorie in dynamischen sozioökologischen Systemen und führt auf diesem Wege zu einer gerechteren und gleichberechtigteren Wissenschaft sowie Mensch-Eis-Interaktionen.' (auf S. 496 zitiert.)

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In solcher Umgebung arbeitend wird die Philippika des Linguisten auf die Geisteswissenschaft insgesamt nachvollziehbar. Deren Vertreter scheinen sich in Mehrheit von der Vernunft verabschiedet zu haben. Ich will das nicht bestätigen, wohl aber in Pinkers Horn stoßen, dass datenbasierte Naturwisssenschaft den Planeten eher wird retten können als moralisierendes Gutmenschentum.

Nachdem Pinker über 440 Seiten hinweg meist streng bei seinem Programm geblieben ist: "Ideen durch den Abgleich mit der Realität zu verifizieren" (S. 568), gleitet er in Kap. 21 ("Vernunft") ab in unstrukturierte Banalitäten. Der rote Faden geht verloren, er kommt - ganz kaffeekränzchenargumentativ - vom Stöckchen aufs Hölzchen.

Das letzte Kapitel heißt "Humanismus". Kann man Aufklärung und Humanismus einfacher und treffender definieren als so:

"Fortschritt besteht aus der Anwendung von Wissen, um der gesamten Menschheit das gleiche Wohlergehen zu ermöglichen,
das jeder von uns für sich selbst anstrebt." (S. 514)

Für mich unnötig intensiv widerlegt Pinker "die religiösen Argumente gegen den Humanismus" (S. 527). Hier scheint mir Pinker seinen Atheismus, den er besser "Religionslosigkeit" nennt und der ihm vielleicht selbst nicht ganz geheuer ist, vor sich selbst abzuarbeiten. Die Argumente, was alles schon im Namen der Religion geschehen ist, dass Trumps Basis bigotte Evangelikale sind, welche Gewaltorgien die heiligen Schriften der Buchreligionen bereit halten (und im Islam auch von den gläubigen Zeitgenossen so geglaubt werden), sind nur allzu bekannt. Ja, die säkulare UN-Menschenrechtserklärung braucht keinen Gott. Vor allem aber ist die oben erwähnte schlichte Humanismus-Definition stärker als alle "theistische Moral" (S. 551). Ich verdanke dem Kapitel aber immerhin den einleuchtenden Begriff "Multiversum" und die Bestätigung meiner Auffassung, dass der Islam Fortschritt und Humanismus wohl konstitutiv, nämlich religionsbasiert, behindert, wie ich sie in meiner Sarrazin-Rezension ausgeführt habe.

Die zweite derzeitige Bremse für aufklärerischen Fortschritt sieht Pinker im "romantisch-heroisch-tribalistisch-autoritären Komplex" (S. 527). Hier wird Nietzsche und sein Einfluss auf dämonische Monster überbewertet. Die Argumentation läuft nach dem seit den 60-er Jahren populären Denkschema "Von Nietzsche zu Hitler".

Für mich, der ich mich als ein Kind der Aufklärung verstehe und der ich im derzeitigen gesellschaftlichen Diskurs ein Schwinden der Vernunft beklage, ist Pinkers Plädoyer Balsam für den Verstand. Fakten statt Meinungen, Zahlen statt Ideolgie, Taten statt Moral sind Orientierungen, welche die Welt retten und das Leben der Menschen besser machen können. Vor allem aber beschert das Wissen darum, in der "besten aller Welten" zu leben, Zufriedenheit und Glück. Wir wissen aber, dass Fortschritt nicht von alleine passiert. Unser gemeinsames Handeln kann und muss ihn befördern. Daneben beglückt - ganz kontemplativ - die Beobachtung der wunderbar komplexen und vernünftigen Organisationen im Kosmos - vom Bienenstaat bis zur Tiefe des Multiversums - mit mehr Ästhetik und Spiritualität als jede Religion!

Michael Seeger, 28. April 2019


1 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/754388/umfrage/kindersterblichkeit-in-niger/

2 http://www.factfish.com/de/statistik-land/niger/fertilit%C3%A4tsrate

3 https://www.laenderdaten.info/Afrika/Niger/bevoelkerungswachstum.php

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© 2002-2019 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 28.04.2019

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