Michael Seeger Rezensionen Forum

Mansour

Ahmad Mansour

Generation Allah

S. Fischer. Ffm 3. Aufl.2015

ISBN: 978-3-10-002446-6

271 S. 19,99 EUR (TB 10,99)

gelesen August 2018

allah

Wider das Verharmlosen und Vertuschen

Interne Islamkritik eines aufgeklärten Muslim

 

Der arabische Israeli Mansour, seit 2017 deutscher Staatsbürger, ist durch seine zahlreichen medialen Auftritte (>> Talkshows), durch seine zeitweilige Mitarbeit in der Islam-Konferenz und durch seine Veröffentlichungen für uns "Westler" zu so etwas wie einer Ikone des "aufgeklärten Islam" geworden, weil er Religion und arabische oder türkische Kultur mit den Werten unserer westlichen pluralistischen Demokratie und den Menschenrechten verknüpft. Indem er einem aufgeklärten Islam das Wort redet, kritisiert er massiv die mit dem traditionellen Islam verknüpften Aspekte Patriarchat, Tabuisierung der Sexualität, Unterdrückung der Frau, Schwarz-Weiß-Denken, Gewalt- und Angsterziehung, Ehrbegriff, arrangierte Ehen, Geschlechtertrennung, Buchstabenglaube, Salafismus uvam, so dass man sich am Ende der Lektüre fragt, ob es den von ihm postulierten aufgeklärten Islam überhaupt geben kann. Nach seiner sich mehrfach in Schleifen, Erzählungen und Redundanzen windenden Argumentation scheint es vielmehr so, dass diese Tendenzen dem Islam originär innewohnen.
Der Psychologe Ibrahim Rüschoff kritisiert diese These etwa als für Renegaten typisch. Warum aber kommt Mansour bei uns so gut an? Wahrscheinlich, weil er, der ehemalige Salafist, heute eben ein leidenschaftlicher Demokrat in unserem Sinne ist, während sein Mantra "Ich als Muslim" wohl eher eine Reminiszens an seine Vergangenheit darstellt.

Was sind die Ursachen der auf beängstigende Weise zunehmenden Radikalisierung von Jugendlichen der zweiten und dritten Einwanderer-Generation? Diese Jugendlichen sind deutsche Staatsbürger, suchen ihre Identität aber im religiösen Fanatismus. Viele Erklärungsmuster für diesen Prozess kennt man; am stärksten hebt Mansour die Gewalt und die Tabuisierung der Sexualität in der familiären Erziehung hervor. Warum aber ist der Salafismus heute so stark und war es vor 20 oder 30 Jahren nicht? Globalisierung und Internet werden angeführt, sind mir aber zu schwache Argumente für den aktuellen Zustand. Warum lehnen die muslimischen in Deutschland lebenden Jugendlichen das pluralistische Angebot unserer Gesellschaft als Schwäche des Westens ab und suchen ihr Heil im dichotomischen halal und haram, dem einfachen Muster von Gut/Erlaubt und Böse/Verboten?
Die letztlich befriedigende Antwort gibt mir das Buch nicht.

Umso deutlicher weist es auf ein "Versagen auf der ganzen Linie" (S. 189-206) hin, wenn es um staaliche Maßnahmen der Prophylaxe oder um Projekte der Deradikalisierung geht. Diese seien weder nach klaren Kriterien strukturiert, entbehrten des notwenigen Sachverstandes und würden von den Geldgebern in keinster Weise evaluiert oder kontrolliert, so dass sich hier im Bereich von NGOs ein erschreckendes Feld auftut, in dem Steuergeld sinnlos verbrannt wird. Man fühlt sich an den unsäglichen Dobrint erinnert und möchte fast von einer "Geldverbrennungsindustrie" sprechen.

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Dass Mansour Sozialarbeiter und Psychologe ist, spürt man in fast jeder Zeile seines leicht lesbaren Buches. Seine "Zehn konkreten Vorschläge" (S. 257-264) zur Überwindung des Weckguckens möchte man der Politik auf allen Ebenen gerne ins Stammbuch schreiben, ahnt aber schon, dass unsere Volksvertreter schöne Medienberichte von gelungener Integration bevorzugen und sich vor No-Go-Areas, radikalen Moscheevereinen oder gescheiterter Religionslehrerausbildung (weil die muslimischen Studenten den aufgeklärten Professoren die Abstimmung mit den Füßen erteilen) lieber wegducken.

Leseprobe (S. 199f)

"Am wichtigsten ist den Ministerien, Trägern, Stiftungen, dass in den Projekten kein Aufruhr, keine Unruhe entsteht, dass sie gut aussehen und medial etwas hermachen. Honoriert werden Institutionen, die ein Thema wie Islamismus gar nicht erst ansprechen und stattdessen lieber über Themen reden, die konsensfähig sind und niemanden weh tun, >Respekt< zum Beispiel oder >Identität< oder >Diskriminierung<, die >Opferrolle von Jugendlichen<." (...)
Während Mansour Mitglied der Islamkonferenz war, "wurde dort monatelang über den Begriff Islamismus diskutiert. Zahlreiche Verbände wollten den Begriff nicht einmal verwenden, da er >ein schlechtes Licht auf den Islam als solchen< werfe. Vertreter solcher Verbände erklärten auch rundweg, muslimischer Antisemitismus existiere gar nicht. Auf Begeisterung und Willen zu Engagement stieß allein das Thema Islamfeindlichkeit. (...) Während sich Jugendliche radikalisieren, Juden (...) auf offener Straße körperlich attackiert werden und Judenhass (...) erschreckende Ausmaße annimmt, bleiben muslimische Verbände tatenlos und denken vor allem an das Prestige des Islam."

Demnächst erscheint ein Buch über den Islam ("Feindliche Übernahme") von Thilo Sarrazin. Ich kann mir vorstellen, dass er Mansour durchaus als Quelle benutzt hat. Gespannt bin ich darauf, wie Politik und Feuilleton über Sarrazin herfallen werden, ohne - wie häufig - sein Buch wirklich gelesen zu haben. In dieser Rezensionsreihe ist es jedenfalls demnächst dran.

Michael Seeger, 19. August 2018

In seinem soeben bei S. Fischer erschienenen Buch "KLARTEXT ZUR INTEGRATION, GEGEN FALSCHE TOLERANZ UND PANIKMACHE" pointiert Mansour seine oben beschriebenen Thesen. Wieder sehr rhapsodisch pointiert Mansour sein Verdikt vor allem der Erziehung zur Unmündigkeit durch Vater und Moschee.

© 2002-2018 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 05.11.2018

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