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Nadja Küchenmeister: Der große Wagen

Gedicht

und Peter-Huchel-Preis-Verleihung in Staufen am 10. April 1926

Schöffling & Co, Frankfurt a. M. 2025; 96 S; 22,00 €

ISBN 978-3-89561-413-2

gelesen: April 2026

Autorin

Musikalische Trauerarbeit

Ein Langgedicht über Innen, Außen, Liebe, Abschied, Tod und Zukunft

Nicht reden will ich von den der Lyrik eigenen Qualitäten, wie sie auch im vorliegenden Fall von der Kritik dutzendweise in raunenden Hymnen vorgetragen werden. Also rede ich nicht von der Verschmelzung von Vergangenheit und Zukunft, der Überblendung von hier und dort, dem Paradox vom Gehen im Stehen, den Übergängen von den Lebenden zu den Toten, der Ubiquität von Berlin-Hellersdorf, Köln, Lissabon und dem Weltall, der Dehung des individuellen Verlustschmerzes in die Unendlichkeit des Kosmos, dem Übergang vom banalen Alltag in die poetische Wirklichkeit. Ich lasse es dabei bewenden, Küchenmeister zu diesen typisch lyrischen Paradoxien selbst sprechen zu lassen:

"... ach, könnte ich doch
den
(gelben. M.S.) Zettel finden,
den du mir hinterlassen hast
auf der kommode, da waren haferflocken

... ich scheue mich
ihn zu suchen, aus angst, ihn nicht zu finden"

Und so rede ich also nicht vom Buch, sondern ven Nadja Küchenmeister selbst und der wunderbaren Verleihung des Peter-Huchel-Preises im Stubenhaus zu Staufen: Wie die Autorin in ihrer Dankesrede rhythmisch die Worte klingen lässt, die Sprechpausen syntaktisch raffiniert setzt, um so semantisch neuen Sinnn zu erzeugen, wie ihre Prosa geradezu lyrisch wird, genauso, wie im "Großen Wagen" das Langgedicht zur Prosa hintendiert. Ist die deutsche Sprache wirklich so schön? Ja, wenn von Nadja Küchenmeister gesprochen, wird das Deutsch zur reinen Musik. Angesteckt davon ist sicherlich der Laudator Christian Metz, dessen Lobrede selbst zur Lyrik wird.

Dem Einwand von Freund F J, ich hätte wahrscheinlich zu viel Gutedel oder Spätburgunder getrunken, wenn ich diese Sprache für Musik halte, muss begegnet werden, dass es den Wein erst beim Empfang nach der gelungenen Veranstaltung gab.

Michael Seeger, 14.04.2026


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