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Uwe Timm

Vogelweide

KiWi 2013; dtv (14379) 2015

ISBN: 978-3-423-14379-0

335 S. 9,90 EUR

wieder gelesen April 2018

Timm

Timm: Immer wieder gut

Bei diesem Autor gab es noch nie eine Enttäuschung! Getäuscht habe ich mich in mir selbst, weil ich beim Lesen lange gebraucht habe, bis ich darauf stieß: Du hast den Roman schon einmal gelesen. Wie konnte dieses Vergessen geschehen, wo mich doch Plot und Erzählweise heftig anspringen und ergötzen? Ich weiß es nicht.

Der Protagonist Christian Eschenbach lebt nach einem mehrfachen Bankrott (beruflich und in der Liebe) zurückgezogen als Vogelwart auf einer Insel in der Elbmündung. Seine frühere Geliebte Anna kündigt ihren Besuch an. Während der Wartezeit auf sie geht ihm sein Leben durch den Kopf und die Glieder. Ein grandioses Leben aus unserer Zeit - mit heftigen Ausschlägen in den Gefühlsamplituden. Der Roman ist aufs höchste erotisch aufgeladen und müsste mit seinen Phantasieangeboten jeden Mann ergreifen, der noch nicht Golf spielt. :-)

Was da erzählt wird, ist irgendwie novellistisch und doch auch schon mehrfach woanders gelesen. Der Plot ist angesiedelt zwischen Goethes "Wahlverwandschaften" und Walsers "Ein fliehendes Pferd", geht es doch um eine Viereckskonstellation. Die Erzählweise erinnert stark an Frisch "Homo faber!". Der Unterschied: Es ist kein verlogener Rechenschaftsbericht eines "Menschen ohne Du" in Ich-Form vorgetragen, sondern ein ehrlicher Rückblick auf das (verpfuschte? und doch so geile) Leben Eschenbachs durch den zurückhaltenden auktorialen Erzähler Timm. Wie er den Erzählbericht, die erlebte Rede, den inneren Monolog und die Dialoge ineinander fließen lässt, zeugt von großer Erzählkunst. Handlung und Erzählweise sind klar durchstrukturiert und eignen dem Helden, einem Ex-Theologen, der ein Software-Start-Up zur "Optimierung" betreibt. Der 73-jährige Timm lässt nicht nur seine Lebenserfahrung und seine Wünsche spielen, sondern auch seine umfassende Bildung und erweist sich als höchst zeitgemäß. Das Konstruierte entdeckt der kundige Leser schnell, könnte darob verstimmt sein, verzeiht es aber dem Autor, weil die Lektüre einfach so schön fließt und der Roman viel von unserem eigenen Leben erzählt.

Was mir natürlich gefällt ist, dass Eschenbach für die zwei Paare ein gefülltes Rinderherz zubereitet - nach einem Rezept aus dem Butt. In der "Norne" ist unverkennbar die Meinungsforscherin Nölle-Neumann vom Bodensee zu erkennen, für die Christian Forschungen zum BEGEHREN unternehmen soll. Das ist sein eigentlicher Antrieb.

"Dann (...) waren sie zu Anna gegangen, in ihr Haus, die Kinder in der Schule, das Au-pair-Mädchen im Deutschkurs, und ohne zu zögern, da war keine Überlegung zu Anstand, Takt, Rücksichtnahme, Moral, schliefen sie miteinander im Ehebett. Sie waren, so sagte er es für sich und für sie, von Sinnen." (S. 147)
"Der Versuch der Trennung war jedes Mal ein neuer Anfang. Sie mussten sich nur sehen." ( S. 172)
"Wann stirbt diese Generation aus, zu der ich ja auch noch gehöre, die wegen der ihr in der Pubertät verweigerten Einblicke lebenslänglich zum Voyerismus verurteilt ist. (S. 179)

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Wie unterscheidet man Liebe von Begehren? "Liebe kennt auch den Verzicht, das Begehren nicht, Das ist seine Stärke, es kann nicht verzichten. Es ist eine unmoralische Kraft." (S. 272)

Ohne (durchaus kluge) Sentenzen geht es bei Timm nicht: "Und Gott darf sich nicht wie einer der evangelischen Pastoren verhalten, die alles verstehen und alles verzeihen. Das sind Sozialarbeiter mit Griechischkenntnissen, mehr nicht." (S. 301)

Viele Bücher habe ich von Timm gelesen und möchte mehr. Ich wünsche ihm anhaltende Produktivität und ein langes Leben!

Michael Seeger, 23. April 2018

© 2002-2018 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 23.03..2018

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