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Bruno Preisendörfer:

Als unser Deutsch erfunden wurde

Reise in die Lutherzeit


Galiani Verlag, Berlin 2016
496 Seiten, 24,99 Euro

 

Autor

Zitatdurchwoben

Siehst du vor lauter Bäumen noch den Wald?

Die Begeisterung der meisten Rezensenten (Bsp: SWR2) kann ich nicht teilen. Das hat zum einen inhaltliche, zum anderen stilistische Gründe.

Der Autor nimmt die Leser mit auf eine Zeitreise, wie das Preisendörfer erfolgreich auch schon mit seiner Reise in die Goethezeit getan hat. In den kurzen Kapiteln entfaltet sich weniger die Kulturgeschichte der Lutherzeit als viel mehr die pralle Alltagskultur der Dürerzeit. An ihm, dem großen Graphiker und Maler, hat Preisendörfer offensichtlich mehr einen Narren gefressen als am Reformator. Das Buch ist durch und durch narrativ gehalten im Sinne eines "und dann auch noch das ..." Eigentlich weiß man das alles schon (Kleists Kohlhaas, Brandts Narrenschiff, Hans Sachs' Sprüche usw.) - nur nicht so im Detail. Statt der pleonastisch vorgetragenen Anekdoten wünschte man sich eher eine Theorie der "janusköpfigen Zeit". Dieser Begriff stammt von Günther Mahal, Faust, (Scherz) Bern und München 1980, einem Autor, den Preisendörfer unverständlicherweise noch nicht einmal im Literaturverzeichnis aufführt, obwohl der doch vieles aus dem Alltag bereits vor 36 Jahren erzählt hatte. Statt Theorie zu bieten oder in einen wissenschaftlichen Diskurs - etwa über die Modernität Luthers - zu treten, überhäuft der "Reiseleiter" uns Leser mit einer Überzahl von Zitaten zeitgenössischen Schrifttums in originaler, schwer lesbarer Orthographie, deren Mehrwert im Laufe der Lektüre immer weniger einleuchtet. Meine Neugier auf das Buch war dem Titel geschuldet. Aber gerade beim Thema Sprachgeschichte wird man mit Banalitäten enttäuscht.

Formal verdankt sich mein säuerliches Lächeln dem Format, eben einer Zeitreise, auf welcher der kluge Reiseleiter uns seine "almigen" Kommentare, stets etwas zwanghaft um Aktualität bemüht, nicht ersparen will. Damit gefällt er sich - und nervt mich - mit seinem Prälatenhumor. Mit der direkten Leseradressierung bewegt er sich an der Grenze zur Ratgeberliteratur: "Aber - um Himmels willen - fragen Sie vorher Ihren Arzt oder Apotheker!" (S. 370). Ich möchte eigentlich auch nicht erfahren, was der Autor "nach einem aufregenden Schreibreisetag (...) für die nötige Bettschwere" für ausreichend hält: "Wein auch ohne Mais". (ebd.).

So wurde mir das Buch zu langatmig, damit auch redundant; gelernt habe ich wenig. Wenn ich nochmal danach greife, dann wegen des nützlichen Anhangs zum Nachschlagen (118 S.).

Michael Seeger, 02. Mai 2017

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