Michael Seeger Rezensionen

Rytisalo

Minna Rytisalo

LEMPI - das heißt Liebe

Roman. Aus dem Finnischen v. Elina Kritzokat

2016, 2018 Carl Hanser Verlag , München, 221 S. 21,00 €

ISBN 978-3-446-26004-7

gelesen Februar 2021

 

Existenzielle Beziehungsgeschichten

Finninnen als "Deutsch-Huren" vor dem Hintergrund des Lapplandkrieges

cover

Rytisalos Debütroman weiß zu berühren. Die Beziehungsgeschichte um den heimkehrenden Frontsoldaten Viljami, die Zwillingsschwestern Lempi und Sisko sowie die eifersüchtig-egoistische Magd Elli spielt in den Wirren des Lapplandkrieges 1941ff. Für die deutschen Leser ist neben der Story auch das Nachwort erhellend. Wer hat schon etwas vom Lapplandkrieg gewusst, von der Waffenbrüderschaft zwischen Finnen und Deutschen (gegen die Sowjets), die sich dann in Feindschaft verkehrte, davon, dass 200.000 Wehrmachtssoldaten neben 180.000 Finnen in Lappland lebten und von den zahlreichen amurösen Verbindungen mit finnischen Mädchen, welche später als Landesverrat galten?

Konstruiert ist die Erzählung aus drei Perspektiven, jeweils als Du-Adresse an Lempi gestaltet. Lempi selbst taucht nur als Folie dieser "Reden" auf, ihr Schicksal lässt die Autorin bewusst im Ungewissen. Viljamis Rede ist melodramatisch-larmoyant, nur schwer zu ertragen. Ellis Versuch, Viljami zu usurpieren, sich ihm als Frau hinzuschmeißen, kommt grob-aggressiv daher:

"Was weiß ich schon, was das ist. Liebe, davon reden die feinen Leute, ich gehör zum Arbeitervolk. Ich bin eine brünstige Kuh, eine Katze, die im Frühling laut maunzt. Wie kommt diese Hitze in den Leib? Ich habe Hunde und Bullen beobachtet, die Tiere alle. Jetzt fühlt es sich an, als bräche es aus mir selbst hervor." (S. 107)

Siskos Erzählung vergleicht die Geschehnisse in den Kriegsjahren auch mit der Gegenwart und markiert die emotionalen und sozialpsychologischen Differenzen der Kriegszeit mit einer unbestimmten Jetztzeit.

Warum berührt der Roman? Weil er so viel Lebensweisheit enthält und so tiefe Gefühle offenlegt, ohne sie direkt anzusprechen. Gerade in Fragen der Sexualität operiert Rytisalo wunderbar mit der Kraft der Leerstellen ... und wir wissen Bescheid.

 

Michael Seeger, 15. Februar 2021

© 2002-2021 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 15.02.2021