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Erich Kästner

Als ich ein kleiner Junge war (1957)

in: Kästner für Erwachsene, Bd 4 (von 4)

Atrium Verlag Zürich 1983

ISBN: 3-85535-928-8

147 S.

gelesen Mai 2022

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Kein Fernweh - sondern Heimweh!

Wer die inbrünstige Liebe zur verehrten Mutter noch nicht kannte, wird hier endgültig informiert und überzeugt. Ja, der Vater kommt in diesem nach einem halben Jahrhundert verfassten autobiographischen Rückblick auch vor: treusorgend und zuverlässig. Die Liebe aber gehört der Mutter. Mit ihr machte er ausgiebige Wanderungen in der sächsischen Schweiz, dem Thüringer Wald und dem Böhmerwald, später auch Radtouren. Einmal geht es sogar an die Ostsee! Das ist erstaunlich. Denn Kästners Liebe gehört neben seiner Mutter eben - ganz eng - seiner Dresdner Heimat.

"Wir Kästners sind auf die weite Welt nicht sonderlich neugierig. Wir leiden nicht am Fernweh, sondern am Heimweh." (S. 16)

"Liebe Kinder und Nichtkinder!" - so beginnt der Text. Fast zwangsläufig muss sich da ein geradezu großväterlicher Belehrungston und eine nervige Adressierung einschleichen. Davon abgesehen erleben wir Leser ein buntes Bild der ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts: "Fast alles hat sich geändert und fast alles ist sich gleichgeblieben." (S. 13)

Das Gleiche ist das zutiefst Menschliche, das Kästner mit der ihm eigenen Empathie aufleben lässt - ein echter Menschenfreund. Der Ton, mit dem Kästner die dramatischen Veränderungen erzählt, die vor allem als industrielle Neuerungen daherkommen, lässt auf eine konservative Grundhaltung schließen nach dem Motto "Früher war alles besser". Anschaulich wird das am beruflichen Abstieg des Vaters vom kunstfertigen Sattler zum Arbeiter in einer Kofferfabrik. Der Onkel dagegen wird mit seinem Pferdehandel Millionär.

Für den Juli 1914 liefert Kästner, mit der Mutter an der Ostsee, eine geradezu aktuelle Kritik des Massentourismus:

"Am Randes des Erhabenen fand das Lächerliche statt. Man war den Städten entflohen und hockte jetzt, angesichts der Unendlichkeit, noch viel enger nebeneinander als in Hamburg, Dresden und Berlin. Man quetschte sich auf einem Eckchen Strand laut und schwitzend zusammen wie in einem Viehwagen. (...) Der Mensch glich dem Schaf und trat in Herden auf. (...) Sie schmorten zu Tausenden in der Sonne, als sei die Herde schon geschlachtet und läge in einer riesigen Bratpfanne. Manchmal drehten sie sich um. Wie freiwillige Koteletts. ( S. 141)

Der 1. August 1914 beendet jäh die Ostseereise:

"Der Weltkrieg hatte begonnen, und meine Kindheit war zu Ende." (S. 143)

Michael Seeger, 22. August 2022

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