Michael Seeger Rezensionen Forum

 

Friedrich Hölderlin:

HYPERION

oder der Eremit in Griechenland

Fotomechanischer Nachdruck der Originalausgabe

Stromfeld/Roter Stern Frankfurt a.M. 1979

1. Bd. 160 S., 2. Bd. 124 S.

ISBN: 3-87877-1800

gelesen (1983) April 2020

 

Hybride Schwärmerei

Im Kontext von Schiller, Goethe, Wieland stark überschätzter Aufguss der zeitgenössischen Antikerezeption

 

Ja, Hölderlin war ein Kauz. Ein anderer schwäbscher Kauz hatte mir den Hyperion vor 37 Jahren mit dieser Widmung überreicht. Ich war damals über ein Anlesen nicht hinausgekommen. Der 250. Geburtstag des Autors regt in Corona-Zeiten zur Wiederlektüre an. Es ist trotz aller feuilletonistischer Hochjubelei im Jubiläimsjahr eine Enttäuschung.

Im erzählerischen Duktus ist dieser lyrische Briefroman ganz Werther! "Hyperion an Bellarmin" heißen die Überschriften, unter denen der bekennende, sich selbst findende Eremit schmachtet:

"Es ist eine Lüke in meinem Daseyn. Ich starb, und wie ich erwachte, lag ich am Herzen des himmlischen Mädchens." (S. 128) - Diotima.

Im Aufbegehren gegen das "Jahrhundert" ist Hyperion ein Epigone von Schillers Sturm-und-Drang-Figuren Karl Moor und Ferdinand:

"Ich will ... die Schaufel nehmen und den Koth in eine Grube werfen. Ein Volk, wo Geist und Grösse keinen Geist und keine Grösse mehr erzeugt, hat nichts mehr gemein, mit andern, die noch Menschen sind, hat keine Rechte mehr, und es ist ein leeres Possenspiel, ein Aberglauben, wenn man solche willenlose Leichnahme noch ehren will, als wär ein Römerherz in ihnen. Weg mit ihnen!"

Ja, da klingelt mir im Ohr Karl Moors Philippika gegen das "Kastratenjahrhundert", aus dem mit Karl und seinen Kerls "eine Republik werden" soll.

Und wenn Hyperion ruft "Was ist alles, was in Jahrtausenden die Menschen thaten und dachten, gegen einen Augenblick der Liebe? Es ist auch das Gelungenste, Göttlichschönste in der Natur!" (S. 98), so ist das nicht mehr als eine Adaption von Ferdinands "Ein Lächeln meiner Luise ist mir Stoff für Jahrhunderte!"

"Was ist alles künstliche Wissen in der Welt, was ist die ganze stolze Mündigkeit der menschlichen Gedanken gegen die ungesuchten Töne dieses Geistes, der nicht wusste, was er wusste, was er war? (S. 101)

Das ist schon fast romantische Programmatik, wie sie Novalis 3 Jahre später aber nicht nur prägnanter, sondern auch schöner gefasst hat: "Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren....".

Überhaupt Romantik! Wie in ihr überbordet im Hyperion der inflationäre Gebrauch der immer gleichen Begriffe: "heilig, ewig, göttlich, Pflanzen, Blume, Sterne, Himmel".

Im Gegensatz zum "Werther" verzichtet "Hyperion" fast vollständig auf eine äußere Handlung. Wo sie mal aufblitzt, bei der Schiffsfahrt von der vorgelagerten Insel Kalaurea hinüber nach Athen mit Diotima und ungenannten "Anderen", ist die dahinschmelzende Liebesschwärmerei der beiden wie vom Zephyr weggeblasen, und Hölderlin lässt sie - jetzt fast rein vernünftelnd - einen philosophischen Diskurs halten. Dieser fragt danach, was der Mensch sei, was das Göttliche an ihm und postuliert, es im Athener zu finden. Es handelt sich um den wenig originellen Aufguss der zeitgenössischen Antikerezeption, dem nach Schillers "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" eigentlich nichts mehr hinzuzufügen wäre. Ende des 18. Jahrhunderts waren die Denker - von Rousseau inspiriert - der spekulativen, rein postulierten Auffasssung, in der Antike, in Arkadien habe es einmal die Einheit des Individuums mit der Gesellschaft, der Natur mit dem Göttlichen gegeben, welche durch Zivilisation, Staat und Vernunft verloren und auf höherer Ebene via Liebe und Schönheit wieder zu erlangen sei: Elysium. Schiller hat das alles sehr schön herausgearbeitet. Ich habe es in ein Schaubild zu fassen gesucht.

Das alles gießt Hölderlin redundant auf:

Kontrastiv zum Athener wird völkerkundlich Despotie und Willkür "beim Ägypter" verortet, aber "der blose Verstand, die blose Vernunft sind immer Könige des Nordens." ( S. 147)

Der Erste Band schließt - wie zu erwarten war - mit diesem Postulat:

"Es wird nur Eine Schönheit seyn; und Menschheit und Natur wird sich vereinen in Eine allumfassende Gottheit." (S. 160).

Ich will es damit gut sein lassen, schenke mir den Zweiten Band und folge Diotimas Anregung:

"Komm hinaus! in's Grüne! unter die Farben des Lebens! das wird Dir wohltun."

Dort pedalierend will ich gerne des Mannes gedenken, der so lange im Tübinger Turm lebte wie sein Hyperion ungelesen bei mir im Regal stand.

Michael Seeger, 25. April 2020

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