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Khaled Hosseini

Tausend strahlende Sonnen

aus dem Englischen von Michael Windgassen

S. Fischer Verlag (FT 03093) Ffm 2014
gebunden 2007 Bloomsbery Berlin 2007
(US-Originalausgabe 2007)
ISBN: 978-3-596-03093-4

395 S. 9,99 EUR

gelesen März 2018

Autor

"Nichts ist gut in Afghanistan!"

Ex-Bischöfin Margot Käßmanns mutiges Statement in der Neujahrspredigt 2010 begleitete mich während der gesamten Lektüre: Welche Gewalt, vor allem welche Gewalt gegen Frauen, welche Erniedrigungen, welch erbärmliches Leben, das die Afghaninnen ertragen müssen! Und dennoch: Einige von Ihnen, so die beiden Heldinen des Romans Mariam und Laila, zerbrechen daran nicht, sondern tragen das Leben weiter!

Fast atemlos zu lesen ist Hosseinis Roman. Der Autor, ein in den USA lebender Exil-Afghane, ist ja einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden mit seinem (exzellent verfilmten) Debütroman "Der Drachenläufer". Das Buch besticht mehr durch Inhalt als durch Form. Zwar ist es von Michael Windgassen gut aus dem Amerikanischen übertragen, ist stilistisch unprätentiös, geradezu sachlich-chronikalisch geschrieben, lässt aber jeden literarischen Glanz vermissen und gleitet immer wieder auch ins sprachliche Klischees ab: "Laila spürte Panik in der Brust aufkeimen." (S. 245) "Ihr schnürte sich jedes Mal das Herz zusammen, ..." (S. 313). Hosseini will allzuviel afghanische Geschichte im Romanplot transportieren und gießt deswegen ganz und gar unromanhaft politischen Diskurs in die Figurenrede. Das liest sich dann so:

"An einem warmen Abend im Juli 2002 - sie und Tarik sind zu Bett gegangen - unterhalten sie sich im Flüsterton über die Veränderungen in ihrer Heimat. Es sind viele.
Die Koalitionsstreitkräfte haben Teile der Taliban aus jeder größeren Stadt vertrieben und bis ins Grenzland von Pakistan ... zurückgedrängt. Die ISAF, eine von der internationalen Gemeinschaft aufgestellte Friedenstruppe, hat in Kabul Stellung bezogen. Das Land wird jetzt von einem Interimspräsidenten regiert, von Hamid Karsai.
Laila findet, dass es an der Zeit ist, mit Tarik zu sprechen." (S. 358)

Hölzerner und unliterarischer geht es kaum. Also bleiben wir beim Inhalt, der uns Westeuropäer ob der kulturellen Differenz so beeindruckend verstört. Dabei changieren unsere Assoziationen zwischen der Brutalität Raschids, des alten Ehemanns zweier gepeinigter Frauen, und etwa dem des Mordes und der Vergewaltigung an der Freiburger Studentin Maria angeklagten Hussein Kamiri, dessen Prozess in diesen Tagen zu Ende geht, hin und her. Ich frage mich, wie junge Männer, welche in Afghanistan in einem Umfeld von politischer und häuslicher Gewalt sozialisiert wurden, wie man das sehr schön schon am kleinen Macho-Sohn Lailas im Roman findet, als Flüchtling in Europa mit ihrem verquasten Geschlechtsrollenbild zurecht kommen, wie da Integration gelingen könnte, wo die Werte - vor allem in den Geschlechterbeziehungen - geradezu galaktisch von einander entfernt sind!

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Aber gerade indem der Autor - ganz authentisch - uns die afghanisch-muslimische Kultur vor Augen führt, begreifen wir, welch hohen Wert "unsere" Menschenrechte haben, die doch eigentlich universal definiert sind. Meine Recherchen zeigen, dass alles, was Hosseini als politische Tatsachen in den Roman flicht, stimmt. Und insofern ist der "Roman" für mich mehr ein Lehrbuch über mittelasiatische Kultur und Geschichte als ein literarisches Kunstwerk. Da das Buch sich leicht liest, schön in kleine Kapitel unterteilt ist, ist es bestens für alle jene geeignet, welche sich lesend den Welthorizont erweitern wollen.

Michael Seeger, 8. März 2018

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