Michael Seeger Rezensionen Forum

Deutschland-Cover

Wolfgang Büscher

Deutschland, Eine Reise

Rohwolt, Berlin 2005

250 S. 10,99 EUR

gelesen Januar 2018

Büscher

Grenz-ERFAHR ung

 

Andersherum - nämlich im Uhrzeigersinn - als ich mit dem Rad hat Büscher Deutschland hart an den Grenzen umrundet: mit Zug, Bus, Schiff, Flugzeug, per Anhalter und zu Fuß. Die Reise startet am Niederrhein und endet wieder dort nahe Xanten. Logischerweise wurde für mich die Lektüre eine nachhaltige Erinnerung an meine eigene Reise, zumal Büscher überwiegend auch "meine Etappenorte" beschreibt. "Beschreiben" ist nicht der treffende Modus. Wie im Buch "Berlin - Moskau" erzählt der Autor, nicht nur seine eigenen Erlebnisse, sondern vor allem solche Geschichten, die er vorrecherchiert hatte und die ihm Menschen unterwegs ausführlich berichten. Damit sind wir beim (einzigen) Problem des Buches: Diese Episoden verselbständigen sich, man weiß nicht mehr, wer eigentlich der Erzähler/Autor ist, wenn vom Konjunktiv der indirekten Rede in das raunende Imperfekt der Rapsodie gewechselt wird, wenn aufgrund der Länge des Exkurses der Konnex zur eigentlichen Reise verloren geht. Besonders stark tritt dieser Zug hervor, wenn Büscher zu seinem Thema kommt: dem Krieg, was bei ihm immer der Zweite Weltkrieg ist mit seinen Spuren aus Metall und in den Erinnerungen: Das KZ Flossenbürg, Braunau/Obersalzberg, Valepp, Schmuggler im Kleinwalzertal, US-Luftangriff auf Pforzheim, Ardennenoffensive sind solche Stationen und Themen. Mich hat auf meiner Reise mehr der Ost-West-Konflikt und der (nicht mehr) eiserne Vorhang bewegt.

Neben meiner eigenen Reminiszenz - auch ganz abweichenden Erinnerungen (Guben: "Wie hielt man es aus, hier zu leben? S. 85) - erfreuten mich vor allem die erstaunten Betrachtungen des nordhessichen Protestanten und Wahlberliners über den südlichen Katholizismus (Das barocke Passau muss ihn ähnlich-fremdlich fasziniert haben wie das päpstliche Rom den jungen Mortimer in Schillers "Maria Stuart" I,6.) und den bayrisch-alemannischen Menschenschlag:

"Das Einsilbige des Nordens fehlte, das Schweigen an den Tischen. Hier war alles prall und gegenwärtig. Roh und üppig. Roh war die große Hütte, roh waren die Planken, Schemel, Tische, üppig die Teller und Maßkrüge und der Vorrat an Witz. Im Norden wie im Osten wurde mehr über ernste Dinge geredet und auch mehr geschwiegen, an den Kneipentischen dort ging es um Themen, Meinungen, Probleme. Hier ging es auf gar keinen Fall um Probleme, hier ging es darum zu spielen (Hervhbg. M.S.) Lauter kleine Auftritte, man frotzelte und zog einander auf und flirtete mit den Kellnerinnen in ihren tief dekolletierten Dirndln.
Eine einzige, abendfüllende Volksbühne war die Hütte, und wie im Theater war es von einigem Reiz, zuzuschauen, wie gut oder weniger gut die Volksschauspieler es verstanden, ihre Konkurrenten, die anderen Männer, hochzunehmen und die Frauen in den Arm, ohne dass es zu bösem Blut kam. Ein Spiel eben, man musste es beherrschen. Im Norden ist man authentisch. Im Osten ehrlich.
(S. 178)

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Geschmeichelt hat mir Südbadener natürlich das Lob der alemannischen Menschenfreundschaft, wenn ein Paar am Hochrhein den picknickenden Wanderer unvermittelt - und kaum zu fassen - ohne Vorrede und Vorbehalt zum Essen einlädt oder ein Lörracher ihm eine Konzertkarte schenkt.

In meiner Heimatstadt Freiburg geht Büschers Erinnerung zurück in die wilde linke Studentenzeit. Der Schnee draußen vor dem Münster verschmilzt mit den nicht mehr endenden Flugblattschlachten damals: "weiße Blätter" (S. 277ff). Warum Büscher Wyhl überhaupt erwähnt, ohne auf den damaligen AKW-Kampf zu kommen, bleibt unverständlich.

Büscher macht deutlich, wie anders als in den Großstädten, wie einsam, wie provinziell Deutschland in den Grenzregionen ist. Ich teile seine Erfahrung, dass man meist der einzige Gast in einem Gasthaus, einem Hotel ist.

Wer das alles erfahren möchte, der lese Büschers Buch und umrunde - egal mit welchem Verkehrsmittel - unser schönes Land.

Michael Seeger, 22. Januar 2018

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