Dieser Autor sollte Kultusminister sein!

21. August 2013

Baumann, seit 22 Jahren - damit schon in sehr jungen Jahren - Schulleiter, erweist sich als mit allen Wassern gewaschen. Er vereinigt auf beeindruckende Weise die Trias: reflektierter Schulpraktiker, diskursiver Bildungsforscher, visionärer Bildungspolitiker. Die Verzahnung von praktischer Erfahrung auf allen Ebenen mit den reflektierten Ergebnissen der Bildungsforschung unserer Zeit machen die zahlreichen Postulate so glaubwürdig. Jedes aus Schüler-, Eltern-, Lehrer-, Schulleitermund übermittelte Zitat verrät einen Autor, der weiß, wovon er spricht, und verleiht dem Buch eine hohe Authentizität. Sowohl die Beispiele wie die generalisierenden Feststellungen sind aber abgesichert durch relevante wissenschaftliche Referenzen und die Darstellungen der die Bildung bestimmenden Faktoren in der Gesellschaft des 21. Jh.s.

Stets steht aber das lernende Kind im Zentrum der Betrachtungen und bildet den roten Faden der Analyse. Um dessen möglichst individuelle Förderung geht es jetzt und in der Zukunft. Eine große Aufgabe, die aber nicht vertagt werden darf! "Niederschwellig" - ein Lieblingsattribut Baumanns lassen sich heute schon, auch unter frustierenden Rahmenbedingungen pragmatische Lösungen für eine bessere Schule finden. Recht bescheiden erwähnt Baumann auf nur 3/4 S. (S. 19) seinen eigenen konkreten Beitrag als Schulleiter des Gymnasiums Wilhelmdorf mit dem Konzept des "G8+". Zur Ermutigung aller Menschen guten Willens hätte diese Infobox gerne ausgeweitet werden können. Eine weitere Bescheidenheit trifft den Verlag, der ein wenig motivierendes Cover gewählt hat.



Baumann hat allen an der Bildung Beteiligten gegenüber ein kritisch-solidarisches Grundverständnis. Der "Jammerkultur" der Lehrkräfte setzt er sein eigenes "Stöhnen" entgegen, womit die 18 Kapitel jeweils paradigmatisch überschrieben sind.

Mir als Leser waren viele Einzelbefunde - wenn auch nicht in dieser vernetzten Gesamtschau - so vertraut, dass ich bei jedem Satz "sic!" rufen wollte. Nicht so beim 5. Kapitel "Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte". Die visionären Vorschläge sind so profund, dass man jede "Strukturkommission" auf den Mond schießen und Baumann das Kommando übergeben möchte.

In seinem Schlusskapitel "Vom Kindergarten zum Jugendpark" erlaubt sich der Autor zu träumen. Seine bis dahin sachliche Sprache wechselt ins Metaphorische. Das ist Bildungs-Lyrik als Traum von einer besseren Schule, einer besseren Welt.
Und wir erlauben uns, zu wünschen und zu träumen, jemanden wie Baumann als Kultusminister oder jedenfalls potenten Entscheidungsträger in einem Ministerium oder der KMK wirken zu sehen.



© 2013 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 06.11.2013