Detaillierte Projektbeschreibung bei Lehrer-Online


Projektidee und Projektdidaktik

Vorgeschichte      Lerninteressen      Lesetagebuch      CD-Produktion      Vielfalt der Beiträge

Planung und Dateimanagement      Evaluation und Resümee

 

Die Projektklasse 8b hatte ich im Schuljahr 2003/04 als Klassenlehrer mit den Fächern Deutsch und Geschichte übernommen. Spätestens seit einem gemeinsamen Landschulheimaufenthalt war klar, dass die Zusammenarbeit zwischen Schülern und Lehrer bestens funktionierte.

Das positive Lernklima wollte ich in Klasse 8 nutzen für ein ambitioniertes Projekt. Die Klasse war durch die Vorführung des Nibelungen-Projektes (Didaktik des Projektes bei "Lehrer-Online") einer anderen 8. Klasse aus dem Jahre 2001 begeistert und angeregt, etwas Ähnliches zu produzieren.

Zum üblichen Literaturkanon in Klasse 8 gehört Schillers "Wilhelm Tell", dessen Erscheinen sich 2004 zum 200. Male jährte. Also bot sich dieses Thema an: Zum Schillerjahr 2005 eine multimediale Lehr- und Lern-CD anzubieten. Die Begeisterung des Lehrers für produktionsorientierten Unterricht koinzidierte mit Lerninteressen der Schüler. In einer Befragung zu Beginn des Schuljahres hatten viele Schüler Lernziele formuliert, die sich in einem handlungsorientierten Projekt verwirklichen lassen sollten. Was gibt es pädagogisch Besseres, als wenn Schüler ihre Lerninteressen selbst formulieren und an deren Verwirklichung dann mit Ernst und Fleiß arbeiten. Aufgabe des Lehrers dabei ist es, das selbstgesteuerte Lernen themenzentriert in bildungsrelevante Kanäle zu lenken. Mit dem literarischen Gegenstand "Wilhelm Tell" war dies gegeben.

Der Unterricht erfolgte zunächst traditionell. Hauptmethode dabei war das "Lesetagebuch". Dies brachte wunderbare Anverwandlungen des literarischen Textes hervor. Ausgehend von Leerstellen im literarischen Text erfassen die Leser das Drama rezeptionsästhetisch. Der Reiz dieser Methode liegt im ständigen Perspektivenwechsel. In einer so gestalteten multiperspektivischen Interpretation wird Literatur tiefer verstanden; ihr vom Produzenten (Schiller) eingeschriebener Sinn wird mit der Subjektivität des jugendlichen Lesers verschmolzen. Das Lesetagebuch arbeitet ganzheitlich und bringt auch bildnerische Produkte hervor. Mit den Lesetagebüchern war vielfältiges Material für die elektronische Verarbeitung bereits gegeben.

Nach dem Abschluss des traditionellen Unterrichts mit einer Klassenarbeit begann die CD-Produktion. Günstig war, dass ich neben Deutsch und Geschichte die Klase auch in ITG unterrichte. Insgesamt 5 ITG-Doppelstunden wurden zur technischen Umsetzung der Inhalte genutzt. Daneben fand der Deutsch-Unterricht häufig im Multimediaraum statt.

Neben den Kreationen aus dem Lesetagebuch, regte ich die Klasse vor allem zur Gestaltung von Personenkonstellationen, Inszenierungen, Stychomythien mit Hilfe des Präsentationsprogramms MS PowerPoint an.

Ab einem gewissen Punkt wird jedes gut organisierte Unterrichtsprojekt zum "Selbstläufer": Immer mehr Schüler bringen eigene Ideen ein und verwirklichen diese - vom Lehrer, der die Machbarkeit im Auge hat, beraten, angespornt oder gebremst. Besonders beliebt waren dabei fiktive Interviews, Steckbriefe ( > Charakteristiken). Die Schüler produzierten eigene Gedichte und Hörspiele. Viel Arbeit wurde dabei in die (selbstgestellte) Hausaufgabe verlagert. So kann etwa ein Hörspiel aus technischen und zeitlichen Gründen nicht im Unterricht angefertigt werden. Andere Schüler erstellten Comics und Akrosticha. Die in Baden-Württemberg in diesem Schuljahr neu eingeführte GFS (gleichwertige Feststellung von Schülerleistung) bereicherte das Projekt: Eine Gruppe präsentierte ein szenisches Spiel, eine Schülerin ein Arbeit über Schillers Leben und Werk, ein Schüler eine Erörterung zur Modernität Schillers.

Inhaltlich durchdrangen die Schüler die verschiedenen Schichten des Dramas und seines Kontextes:

Die Planung der vielfältigen Arbeiten wird anfänglich gesteuert durch ein Planungsplakat, später elektronisch via Windows-Explorer. Das schließlich auf 350 Beiträge angewachsene Projekt kann von der Lehrkraft allein nicht mehr überblickt werden. Es kommt darauf an, schon in einem frühen Stadium 1-2 Schüler als Dateimanager einzubinden. Eine wichtige Hilfe im Datendschungel sind Normen für die Vergabe von Dateinamen: So muss jeder Schüler einem sinnigen Dateinamen seine Initialen voranstellen. so dass die Dateimanager schnell die entsprechenden Schülerarbeiten über die alphabetische Sortierung verwalten können. (Bsp: "mc-int.st..htm" - Schülerin Miriam Cheniti hat ein Interview mit Stauffacher als Htm-Seite gefertigt.) Zur Steigerung der Effektivität kann man die Klasse nicht intensiv genug auf diese Speicherkultur hinweisen. Die Dateimanager haben auch die Aufgabe, immer wieder "Datenschrott" zu löschen.
Im Schulnetz bietet es sich an, in einem gemeinsamen Tauschverzeichnis zu arbeiten, in dem alle Teilnehmer alle Rechte haben. So wird die wechselseitige Verlinkung und die Bezugnahme auf Dateien von Mitschülern ermöglicht. Klassen, die diese Offenheit nicht würdigen und aus Bosheit oder Scherz Daten von Mitschülern verändern, sind m. E. nicht projektreif. Wichtig ist auch der Hinweis, dass Sounds, die in PowerPoint eingebunden werden, unbedingt im selben Verzeichnis abgespeichert werden müssen. Dieses Tauschverzeichnis - von Datenschrott gereinigt - ist später der Spiegel für die CD.

Bei Unterrichtsprojekten zeigt sich immer wieder dieselbe pädagogische Tendenz: Je mehr die Schüler selbstständig arbeiten, desto mehr verstärkt sich die schon gegebene Leistungsperformance. Die guten Schüler werden noch besser, die antriebsschwachen stagnieren. So klaffen die eingebrachten Beiträge stark auseinander: Von der geforderten Mindestzahl 1 bis zu einer Höchstzahl von 20! Mir ist bislang noch kein Mittel eingefallen, dieser Disparität zu begegnen. 

Die lange und intensive Projektarbeit rechtfertigt und erheischt es, die Beiträge der Schüler insgesamt als Projektklassenarbeit zu bewerten. Die Schüler reichen dazu ihre besten Beiträge auf einem Formblatt ein. Die intensive Korrektur des Lehrers erfolgt elektronisch, wobei noch vorhandene sprachliche Fehler gleich korrigiert werden, um auf diesem Wege möglichst fehlerarme Beiträge für die CD zu erhalten.

Die Klasse 8b und ihr Lehrer haben im Projekt für sich viel gelernt; sie hoffen, mit der vorliegenden CD einer breiteren Öffentlichkeit nützliches Material zum Thema anbieten zu können.

© 2004-2008 Michael Seeger, Faust-Gymnasium Staufen, Letzte Aktualisierung 21. Oktober 2008  mail an organisator