Seminarkurs 2000/01 
"Dolly und die Folgen"
Eine Begegnung von Natur- und Geisteswissenschaft
in Fragen der Humangenetik
 
Team
 

Schriftliche Arbeit im Seminarfach (Jgst. 12)
 
Die Verantwortung des Forschers in der heutigen Zeit
   
Inhalt
1)             Einleitung
2)             Kerntransfer –„Die Dolly- Methode“ 
3)             Die momentane Situation 
4)             Eugenik 
5)             Die Rolle des Forschers 
6)             Menschenwürde als Grundstein der Ethik 
7)             Subjektive Beurteilung 
8)             Quellenverzeichnis

 
Einleitung
 
„Ich glaube nicht“, versuchte ich zu antworten, „dass es Sinn hat, hier das Wort – Schuld – zu verwenden...
...wir alle haben an der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften teilgenommen. Diese Entwicklung ist ein Lebensprozess, zu dem sich die Menschheit schon vor Jahrhunderten entschlossen hat – oder wenn man vorsichtiger formulieren will, auf den sie sich eingelassen hat.
Wir wissen aus Erfahrung, dass dieser Prozess zum Guten und Schlechten führen kann.
Aber wir waren überzeugt – und das war insbesondere der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts – dass mit wachsender Kenntnis das Gute überwiegen werde und dass man die möglichen schrecklichen Folgen in der Gewalt behalten könne“.1
 
Diese Gedanken formulierte der Physiker Werner Heisenberg in einem Gespräch mit seinem Freund C. F. von Weizsäcker nach der überraschenden Mitteilung des Abwurfes der Atombombe auf Hiroshima im August 1945.
Zu dieser Zeit wurden die Physiker allgemein von Misstrauen und Kritik überhäuft.
Die Atombombe war zum Symbol für den möglichen Untergang der Menschen durch Naturwissenschaft und Technik geworden. Sie kam zum einen völlig unerwartet, zum anderen überstieg sie das menschliche Vorstellungsvermögen bezogen auf ihre ungeheure Vernichtungskraft. Die Bombe hatte nicht nur eine Stadt und zahlreiche Menschenleben vernichtet, sondern über viele Menschen ein unbekanntes, lang andauerndes Leiden gebracht.
Vielen wurde zum ersten Mal bewusst, dass nicht nur das Leben Einzelner, sondern das Überleben der gesamten Menschheit in Gefahr schien.
Es war eine Grenzsituation erreicht, in der der Mensch als Gattung der Natur sich selbst auslöschen konnte.
 
Die Kernspaltung war eine Hürde, die in der Vergangenheit überwunden wurde, nun gilt es eine Neue in Angriff zu nehmen.
In diesem Sinne: ... von der Kernspaltung zum Kerntransfer.   
 
 
 
Kerntransfer–„Die Dolly Methode“
 
 
Am 23. Februar 1997 sorgte die Geburt von „Dolly“ für Aufregung.
Nach 277 Versuchen gelang es einem schottischen Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Ian Wilmut zum ersten Mal auf der Welt ein Schaf zu klonen.
 
Die durchgeführte Methode wird als Kerntransfer bezeichnet.
 
Die Wissenschaftler des Rosslin Institute entnahmen einem erwachsenen Schaf bereits ausdifferenzierte Euterzellen. Diese Schaf wird als die genetische Mutter von „Dolly“ bezeichnet.
Ein anderes weibliches Schaf wiederum diente als Einspenderin. Dieser Eizelle wurde der Zellkern entfernt, der das gesamte Erbgut beinhaltet.
Zunächst vermehrte man die Euterzellen in einer Nährlösung. Als nach einiger Zeit die Nährstoffe reduziert wurden, hörten sie auf zu wachsen, sowie sich zu teilen. Anschließend fand die Verschmelzung der Euterzelle mit der kernlosen Eizelle, mittels elektrischer Pulse statt. Der Stromstoß imitierte die natürliche Befruchtung. Die Teilung der Eizelle wurde von der genetischen Mutter gesteuert.
Nun wurde der Embryo in den Uterus eines sogenannten Leihmutterschafes implantiert, in dem er sich normal entwickeln konnte.
 
Dies war bisher noch nicht gelungen, zuvor verwendete man für diesen Vorgang unreife, embryonale Zellen.
In der Wissenschaft ging man davon aus, dass die Zellen eines erwachsenen Tieres nicht mehr das Potential besitzen sich zu teilen und somit zu einem neuen Organismus heranzuwachsen.
 
Das schottische Team nahm jedoch an, dass im Zellplasma der Eizelle Faktoren enthalten sind, die bestimmte Prägungen wieder rückgängig machen können, die die Zelle während ihrer Differenzierung erfahren hat. Aufgrund dieser Tatsache wird der Zellkern, der sich schon im fortgeschrittenen Stadium der Embryonalentwicklung befunden hatte, wieder zurück auf den Ausgangspunkt gebracht. Die Zelle ist erneut wieder in der Lage sich zu teilen.
 
 
Die momentane Situation
 
 
Droht uns die verspätete Erkenntnis, was die Atombombe angeht, eventuell bei unserem derzeitigen Wissensstand auf dem Gebiet der Gentechnologie ebenfalls?
 
So äußert sich der spanische Schriftsteller Janvier Marias: „Das berühmte Klon- Schaf Dolly (...) verkörpert eine Bedrohung der Menschheit, die allenfalls vergleichbar ist mit der Erfindung der Atombombe.“ 2
 
Zum Jahresende 2000 sagte der amerikanische Biophysiker Gregory Stock bereits voraus, das erste Klonbaby werde innerhalb der nächsten 5 Jahre geboren.
Am 26. Januar 2001 gab ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Severino Antinori bekannt, dass ein geklonter menschlicher Embryo zur Einpflanzung in einen weiblichen Uterus sogar in 18 Monaten zur Verfügung stehen soll.
In 30 Jahren so prophezeit Francis Collins, einer der führenden Genforscher, werde der genetisch veränderte Mensch zum Standard.
 
Auch die Raelsekte, eine fortschrittsgläubige Bewegung, die davon ausgeht in Labors von Außerirdischen gezeugt worden zu sein, gab vor einem halben Jahr ihr Klonbegehren bekannt.
Für 200 000 Dollar bietet ihre Klonierungsfirma „Clonaid“ den kompletten „Human – Cloning – Service“ an. Für nur 500 000 Dollar wird Unsterblichkeit versprochen: dieses Angebot garantiert das Einfrieren von Körperzellen, falls man einmal den Wunsch verspüren sollte, sich klonen lassen zu wollen.3
 
In den Startlöchern steht mittlerweile eine gigantische Zahl von Fortpflanzungspionieren.
 
Ob Antinori oder Clonaid oder ein anderes Labor die Ersten sein werden: sicher ist, dass etliche Forscherteams in der Lage wären, mit einer der gängigen Klonierungs – und Reproduktionstechniken erbgleiche Menschen zu erschaffen.
Auf die Frage: „Wer will sich klonen lassen ?“ meldeten sich bei diversen Internetdiensten (www.netdoktor.de) etliche Interessenten.4
Im Gegensatz zu Deutschland wo das Klonen zunächst nur zaghaft und vereinzelt begrüßt wurde, waren die Stimmen für das Klonen in anderen Ländern zahlreicher.
Schwule Aktivisten in den USA starteten wenige Tage nach Bekanntgabe von Dollys Geburt die Kampagne „Klonen: Fortpflanzung ohne Kompromisse!“ und verschickten Grußkarten mit dem Motto: „Clone Today, Here Tomorrow!“3
 
Nachdem im August 1997 Mutter Teresa und Lady Diana gestorben waren, forderten Hunderte von Klonbefürwortern Unterschriftslisten im Internet, die beiden Lichtgestalten der Neuzeit zu vervielfältigen. Ein gutes Leben verdient eine zweite Chance, war ihre Begründung.
 
Die Moderne definiert sich als Zeitalter, welches die Menschen aus ihrer Abhängigkeit von der Natur befreit.
Die „schöne neue Welt“ der Gentechnik kann natürlich auch in eine Sackgasse führen.
Andrea Fischer (ehemalige Gesundheitsministerin) schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. März 2001: „Die Optimierung eines menschlichen Wesens ist gleichbedeutend mit einer Zulassung des Verfahrens einer eugenischen Selektion...“
 
 
 
Eugenik
 
 
„Wer sich des Vergangenen nicht erinnert,
ist dazu verdammt, es noch einmal zu erleben“
 
(George Santayana, 1863 – 1952, amerikanischer Philosoph und Dichter).
 
 
Eugenik ( von „edler Herkunft“ ) ist die Anwendung genetischer Erkenntnisse, mit dem Ziel die positiven Erbanlagen der Bevölkerung zu vermehren, die negativen zu verringern.
Die Eugenik war eine populäre Theorie Anfang des 20. Jahrhunderts, heute ist sie sehr umstritten, auch weil sie im Nationalsozialismus zur biologischen Begründung der Rassendiskriminierung missbraucht wurde.5
 
Seit wir zivilisierte Menschen sind, züchten wir Pflanzen und Tiere.
Züchtung heißt Auslese.
Gezielte Paarung von Individuen, die Eigenschaften wie beispielsweise Schönheit, Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer...usw. besitzen, bewirkte die Manifestation der Merkmale über Generationen.
 
Schritte in die Richtung der Eugenik hat man schon seit der Antike immer wieder unternommen: so wurden Neugeborene mit unerwünschten Merkmalen getötet und die Fortpflanzung von Erwachsenen mit erwünschten Merkmalen gefördert.
 
Auch in Platons Schriften finden sich Ansätze einer eugenischen Utopie: Die Fortpflanzung bei der politischen und intellektuelleren Elite sollte gefördert und unterstützt werden.
 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts formulierte man die Vorstellung, die Zivilisation schade dem Wohlergehen der Menschheit. Dieser Schaden entstehe, weil die Fortschritte der Medizin ein Überleben nicht nur der Geeignetsten ermöglichen, sondern auch das von Ungeeigneten.
Auf diese Weise, so lautete die Begründung, werde das großartige, mühevoll erworbene genetische Kapital des Homo sapiens verspielt.
So mache die Erfindung der Brille die zuvor natürliche Selektion von Individuen mit ererbter schlechter Sehfähigkeit zunichte.
Diese Ansichten wurden damals naturwissenschaftlich bekräftigt.
Zusätzlich lag die weitverbreitete Ansicht vor, dass die Völker Afrikas und Asiens, wie auch die europäische Unterschicht, denen eine minderwertige, ererbte Intelligenz und Charakterstärke nachgesagt wurde, sich rascher vermehrten als die „höherwertigen“ Stände.
 
Gezielte Paarung und Auslese bei Menschen ist seit Galton (Vetter von Charles Darwin, Begründer der wissenschaftlichen Eugenik) ein wissenschaftliches Ziel geworden.
Galton war zu seiner Zeit verärgert über die Tatsache, dass sowohl die geistige als auch die körperliche Ausstattung der Briten nicht ausreichend war, ein ganzes Weltreich zu beherrschen.
Diesen Zustand wollte er ändern und Menschen mit entsprechenden Eigenschaften züchten. Ihm schwebte der Gedanke vor, eine sogenannte begabte Rasse heranzuziehen, angesehene Männer und wohlhabende Frauen sollten Ehen eingehen und für Nachwuchs sorgen.
 
Auch in Deutschland orientierten sich einige Forscher an den Ideen von Galton, die er in seinem Buch „Hereditary Genius“ 1859 niederschrieb.
Im Jahre 1920 schlugen zwei Deutsche vor, das Problem behinderter Anstaltspatienten auf radikale Weise zu lösen.
Der Rechtsgelehrte Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche veröffentlichten die Schrift: „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“.6
Binding vertrat darin den Standpunkt, eine Tötung von „unheilbar Blödsinnigen“ müsse gesetzlich erlaubt sein, Hoche unterstrich seine Argumente aus ärztlicher Sicht.
 
„Obwohl die Blödsinnigen keinen großen Wert besitzen, müssen große Massen gesunder Menschen sie pflegen. Es handelt sich um Ballastexistenzen, die man wegwerfen könne. Es ist eine peinliche Vorstellung, dass ganze Generationen von Pflegern neben diesen leeren Menschenhülsen hinaltern, von denen nicht wenige 70 Jahre werden“.6
 
Am 18. August 1939 wurde eine Meldepflicht für missgestaltete Neugeborene erlassen. Es wurde ein Meldebogen beigelegt, auf dem außer Namen, Geschlecht, Alter des Kindes auch Informationen über das Krankheitsbild, die voraussichtliche Lebensdauer und die Aussichten auf Besserung dokumentiert werden sollten.
 
Im Laufe der Zeit richtete man 30 Mordstationen für Kinder ein, an denen alle möglichen Arten von Forschung betrieben wurde. Die Tötungsmethoden wurden den Ärzten überlassen.
Um den Einwand mancher Eltern zu widerlegen, die Kinder würden in Irrenhäusern untergebracht, hieß es, die Anstalten seien offene Kinder- und Jugendfachabteilungen.
 
Erklärtes Ziel war es ja, NS-Deutschland langfristig von Behinderten zu „säubern“.
Waren zuerst nur Kleinkinder und Neugeborene betroffen, wurden im weiteren Kriegsverlauf auch ältere Kinder und Jugendliche getötet.
Keineswegs sämtliche ermordeten Kinder litten jedoch unter unheilbaren Krankheiten oder Missbildungen. Viele wurden nur deswegen eingeliefert, weil sie langsamer lernten und /oder verhaltensauffällig waren.
Diese Beispiele zeigen deutlich, in welche fatale Einbahnstraße die Anwendungen von wissenschaftlichen Erkenntnissen führen kann.
 
So heißt es auch in der Präambel der UNESCO Deklaration zur Bioethik: „....Die Anwendung der Ergebnisse aus der Genforschung muss reguliert werden, um eugenische Praktiken zu verhindern, die der Würde der Menschen entgegenstehen...“7
 
Denn es wird bei der Pränataldiagnostik Eugenik in begrenzten Umfang praktiziert.
Wird ein Fetus bei der vorgeburtlichen Untersuchung als erbgeschädigt erkannt, wird eine Abtreibung empfohlen.
So ist ein ethischer Konflikt vorprogrammiert: Wer darf und auf welcher Grundlage darüber befinden, ob ein Merkmal als Defekt gelten soll und wer darf darüber entscheiden, dass ein Fetus kein Recht auf weiteres Leben hat?
 
Für Werner Bartens (Arzt und Wissenschaftsjournalist) gibt es gravierende Unterschiede zwischen der Eugenik der ersten Jahrhunderthälfte und der Gentechnik unserer Tage. „Die Humangenetik ist vollkommen auf die Mitwirkung der Bürger angewiesen und muss gewollt werden. Die Erblehre orientiert sich heute weniger am gesunden Volkskörper, sondern an der Gesundheit und Befindlichkeit des Einzelnen.“4
Heutzutage liefern die umfassenden Erfolge der Molekulargenetik hinreichende Gründe zu der Annahme, dass unsere Kenntnisse von Erbanlagen weitaus exakter sind, als die Informationen der Eugeniker in der Anfangszeit.
 
Jeder Mensch kann sein eigener Eugeniker sein und von den verfügbaren Gentests profitieren, um hinsichtlich seiner Fortpflanzung die Entscheidung zu treffen, die er für richtig hält.
Wenn genetische Beratung als eugenische Maßnahme bezeichnet werden kann, so ist sie sicherlich eine liberale Form von Eugenik.
 
 
Die Rolle des Forschers
 
 
Weiterung
 
 
Wer soll da noch auftauchen aus der Flut,
wenn wir darin untergehen?
 
Noch ein paar Fortschritte,
und wir werden weitersehen.
 
Wer soll da unsrer gedenken
mit Nachsicht?
 
Das wird sich finden,
wenn es erst soweit ist.
 
Und so fortan
bis auf weiteres
 
und ohne weiteres
so weiter und so
 
weiter nichts
keine Nachgeborenen
 
keine Nachsicht
nichts weiter
 
(Hans Magnus Enzensberger)
 
 
 
Im 20. Jahrhundert gewinnt der Begriff der Verantwortung immer mehr an Bedeutung.
 
Albert Schweitzer (Theologe, Kulturphilosoph, Arzt und Musiker) rief zur „Ehrfurcht vor dem Leben“ auf und Hans Jonas (Philosoph) dachte an die Möglichkeit einer „kosmischen Verantwortung“ für die Menschheit.6
 
Eine häufige Annahme ist, dass man nur für seine eigenen Taten, nicht aber für die anderer Verantwortung übernehmen kann.
Verantwortung wird häufig als Last bezeichnet. Doch in manchen kleinen Dingen ist man bereit, Verantwortung zu übernehmen. Beispielsweise kümmern sich Kinder gerne um Tiere und auch Erwachsene suchen oft nach Menschen, für die sie da sein können.
 
Stephan Wehowsky (Publizist und Autor) schrieb: „Wer seiner Verantwortung ausweicht, verschwindet als Mensch.8
 
Es herrscht jedoch Übereinstimmung, dass auch Verantwortung für die Vorgänge in der Vergangenheit übernommen werden muss.
 
So setzt man sich in Deutschland seit längerem mit der Entschädigung der NS- Zwangsarbeiter auseinander. Die Opfer sollen angemessen ausbezahlt werden Auch in geistiger Hinsicht versucht man die Vergangenheit zu bewältigen: Exemplarisch hierfür seht das Holocaust – Mahnmal in Berlin.
 
Der Fortschritt in der Wissenschaft wird nicht aufzuhalten sein.
 
Demokrit (griechischer Naturphilosoph, um 430-370 v. Chr.) hielt Atome für die letzte unteilbare Einheit der Materie.
Lange Zeit galt die These des Demokrit als unumstößlich.
Karneades, ebenfalls griechischer Philosoph (213–128 v. Chr.), war der erste, der eine gegenteilige Ansicht äußerte.
Durch Ernest Rutherford fand 1917 die erste künstlich herbeigeführte Atomspaltung statt.
Rund 20 Jahre später kam es bei Experimenten des italienischen Physikers Enrico Fermi (1901–1954) zur Kernspaltung, die er jedoch als solche nicht erkannt hatte.
Otto Hahn (deutscher Atomphysiker)gelang 1938 erstmals die Spaltung von Uranatomen..9
 
In der Komödie „Die Physiker“ versucht Dürrenmatt die Verantwortung des Forschers auf seine Weise zu skizzieren.
Der Physiker Möbius geht freiwillig ins Irrenhaus, da er keine andere Möglichkeit mehr sieht, als den Verzicht auf seine persönliche Zukunft, um die Zukunft der Welt zu retten.
Wir sind in unserer Wissenschaft an die Grenzen des Erkennbaren gestoßen. Wir wissen einige genau erfassbare Gesetze, einige Grundbeziehungen zwischen unbegreiflichen Erscheinungen, das ist alles, der gewaltige Rest bleibt Geheimnis, dem Verstande unzugänglich. Wir haben das Ende unseres Weges erreicht. Aber die Menschheit ist noch nicht soweit. Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich. Wir müssen unser Wissen zurücknehmen. Es gibt keine andere Lösung.“
 
Möbius versucht die Bedrohung der Menschheit durch seine eigenen naturwissenschaftlichen Entdeckungen zu verhindern: „Die Verantwortung zwang mir einen anderen Weg auf. Ich ließ meine akademische Karriere fallen...Ich wählte die Narrenkappe.“
 
Aber können Möbius und die anderen beiden angeblich Irren wirklich vor ihrer Schuld fliehen? Gibt es eine Bewahrung der Welt vor dem Wissen? Bewahrung des Wissens vor dem Zugriff der Macht?
 
Dürrenmatt hält dies für eine Illusion. Die Irrenärztin hat sich der gefährlichen Erkenntnisse längst bemächtigt, indem sie sich Kopien der Manuskripte beschafft hat, so dass das Verhängnis seinen Lauf nehmen kann. Und so spielen die Physiker weiter verrückt, spielen Newton, Einstein und König Salomo.
 
Aber ist die Flucht der Physiker „aus Verantwortung“ nicht eine Flucht vor der Verantwortung? Eine Flucht, die nicht nur sinnlos ist, sondern alles sogar noch viel schlimmer macht?
Nun beherrschen nicht die Verantwortungsbewussten die Welt, sondern jene, die durch die Ärztin symbolisiert werden.
 
Wir würden auch die falsche Lehre ziehen, wenn wir, wie der Kernphysiker Möbius verrückt spielen würden und der Ansicht wären, wir könnten dem Fortschritt in Naturwissenschaft und Technik entfliehen.
Das würde alles noch viel schlimmer machen: Denn jene, die –wie die Irrenärztin in der Komödie – die Entdeckungen und Erfindungen skrupellos kommerziell ausnutzen, gibt es in der Realität ebenso.
 
Vor Jahren hat C. F. von Weizsäcker (Atomphysiker und universeller Denker) einen neuen „hippokratischen Eid“ der Naturwissenschaftler und Techniker gefordert, mit dem sich diese verpflichten sollen, weder der Welt noch sich selbst zu schaden.
Weizsäcker hat vorgeschlagen, dass die Forscher ihre Verantwortung für die Folgen der wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Entwicklungen durch Verzicht auf technisch Mögliches annehmen sollen.
Das Bewusstsein, dass Forschungen und Entwicklungen gefährliche Folgen haben können, sollte – meint Weizsäcker – zur Selbstbeherrschung der Forscher und Techniker führen, denn schon Möbius wusste: „Was wir denken hat seine Folgen.“
C.F. von Weizsäcker führt diesen Gedanken noch fort: „Seit der Mensch das mächtigste Lebewesen auf der Erde ist, hat er nichts so sehr zu fürchten wie die Folgen seines eigenen Handelns.“10
 
Dazu Konrad Lorenz (Verhaltensforscher, Nobelpreisträger): „Obwohl sich heute viele Menschen der Gefahren bewusst sind, die durch die technologische Entwicklung heraufbeschworen werden, gibt es doch unzählige technomorph denkende Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass jede Entwicklung notwendigerweise neue Werte hervorbringt. Es ist geradezu zu einem Gebot der technokratischen Religion geworden, dass alles, was irgend machbar ist, gemacht werden muss.“11
Dies entspricht dem „Technologischen Imperativ“, der besagt: „Alles wozu wir technisch in der Lage sind, sollten wir tun.“ (Can implies ought).
Die Befürworter plädieren für die uneingeschränkte Weiterentwicklung von neuen Methoden.
 
Der von Weizsäcker angesprochene Verzicht soll allerdings nicht zu einem Rückzug aus der Wissenschaft oder zu einer Verweigerung der Forschung führen.
 
Unsere Welt ist eine technische. Die moderne Technik aber wäre unmöglich ohne die moderne Wissenschaft. Wissenschaft und Technik könnte man mit zwei benachbarten Bäumen vergleichen, die, aus verschiedenen Samen entsprungen, noch immer einige getrennte Wurzeln und Zweige haben, deren Stämme aber schon fast zu einem Stamm gewachsen sind und deren Laubwerk eine einzige Krone bildet.“10  (C.F. Von Weizsäcker)
 
Günter Altner (Theologe und Biologe) formulierte vier Punkte, die für die Verantwortung des Wissenschaftlers von Bedeutung sind:
 
Die Verantwortung
 
  1. der Wissenschaftler gegenüber sich selbst und gegenüber der Wissenschaftlergemein­schaft
  2. der Wissenschaftler gegenüber staatlichen und industriellen Geldgebern und Nutzungsinteressen
  3. der Wissenschaftler gegenüber der Öffentlichkeit
  4. der Wissenschaftler gegenüber der nichtmenschlichen Natur
 
Die Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik ist ein jahrhundertealter Lebensprozess, wie bereits in der Einleitung erwähnt.
Der Einzelne, der eine Entdeckung macht, kann demnach also auch nicht für die Folgen seiner Entdeckung schuldig gesprochen werden, da er nur als Endpunkt einer Entwicklung angesehen werden kann und ein anderer seine Entdeckung vielleicht einige Zeit später ebenfalls gemacht hätte.
Hätte Einstein nicht die Relativitätstheorie entdeckt, so wäre sie früher oder später von einem anderen formuliert worden.
 
Werner Heisenberg, äußert sich folgendermaßen zu dieser Situation (1950): „Wir haben immerhin verstanden, dass es für den Einzelnen, dem der wissenschaftliche oder technische Fortschritt eine wichtige Aufgabe stellt, nicht genügt, nur an diese Aufgabe zu denken.
Er muss die Lösung als Teil einer großen Entwicklung sehen, die er offenbar bejaht, wenn er überhaupt an solchen Problemen mitarbeitet. Er wird leichter zu den richtigen Entscheidungen kommen, wenn er diese im allgemeinen Zusammenhang bedenkt.1
 
Newton, ebenfalls einer von Dürrenmatts Physikern, meinte dagegen: „Ich weiß, man spricht heute von der Verantwortung der Physiker. Wir haben es auf einmal mit der Furcht zu tun und werden moralisch. Das ist Unsinn. Wir haben Pionierarbeit zu leisten und nichts außer dem. Ob die Menschheit den Weg zu gehen versteht, den wir ihr bahnen, ist ihre Sache, nicht die unsrige.“
 
Ethisch fragwürdig wird der technische Fortschritt aber dort, wo durch ihn die Würde des Menschen nicht geachtet wird oder nur wirtschaftliche Vorteile und Lebensqualität in materieller Hinsicht gewonnen werden.
Wirtschaftliche Gründe rechtfertigen nicht die Bedrohung oder Schädigung menschlichen Lebens. Das Leben als solches ist ein höherer Wert als gewisse Lebenserleichterungen.
 
Unsere Verantwortung für das Leben reicht aber weit über die Verantwortung für unsere jetzigen Mitmenschen. Wir sind auch verantwortlich für das Leben der kommenden Generationen.
 
Es gibt wissenschaftliche Entwicklungen, die vorwiegend uns Heutigen nützen, deren Folgen unseren Kindern und Enkeln jedoch schaden können.
 
Schwierigkeiten treten auf in der Frage, wann einem Menschen Würde zugestanden werden kann.
 
So äußert sich Regine Kollek (Biologin, Professorin für Technologiefolgeabschätzungen der Biotechnologie in der Medizin) dazu:
 
„Biologisch gesehen besteht kein Zweifel daran, dass menschliches Leben mit der Kernverschmelzung bzw. ersten Zellteilung der Zygote beginnt. Dann sind von Seiten des Embryos alle Voraussetzungen für eine Entwicklung gegeben.
Weder Ei- noch Samenzelle verfügen über dieses Potential.
Embryonen haben das Potential Menschen werden zu können. Deshalb sind sie nicht einfach nur neutrale Zellhaufen, wie ein abgestorbenes Stück Haut. Da der Prozess der Entwicklung dieses Potentials kontinuierlich verläuft, haftet jeder Grenzsetzung eine gewisse Willkür an.
 
Letztendlich ist es hilfreich, die Frage nach dem Beginn des menschlichen Lebens auch im historischen Kontext zu sehen.
Verschiedene Gesellschaften haben zu verschiedenen Zeiten verschiedene Antworten darauf gegeben, je nach politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Interessenlage.“12
 
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) formulierte im Thesenpapier zu Bioethik neun „Orientierungen im Zeitalter der Biomedizin“.13
Ausschnittweise sei zitiert: 
  • Die Würde des Menschen ist unantastbar; vom Moment der Zeugung bis zum Tod.
  • Das menschliche Leben ist unteilbar; vorgeburtliche Phase und der erste Lebensabschnitt unterscheiden sich nur graduell.
  • Das menschliche Leben ist der Verfügbarkeit des Menschen entzogen; niemand darf darüber urteilen, wer lebenswert oder lebensunwert ist.
 
Menschenwürde als Grundstein der Ethik
 
 
Das Hauptargument, welches gegen das Klonen von Menschen verwendet wird, ist die Verletzung der Würde des Menschen.
 
Es heißt, der Mensch wird hierbei in einer mit seiner Würde unvereinbaren Weise instrumentalisiert. In diesem Kontext wird immer wieder ein Blick auf Kants Selbstzweckformel geworfen.
 
Seit Kant und auch bereits viel früher, seit der sokratischen Philosophie, gibt es die Vorstellung, dass der einzelne Mensch einen Wert an sich darstellt.
Immanuel Kant drückte dies in der dritten Formel des Kategorischen Imperativs aus:
 
 Handle stets so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ 14
 
Diese Selbstzweckformel hat den Menschen zum Inhalt. Deshalb wird sie oftmals als philosophische Begründung der Menschenwürde herangezogen.
Kant war der Ansicht, jeder Mensch besitze Preis und Würde. Aus diesem Grund sprach er sich auch dagegen aus, Menschen ausschließlich als Mittel zu benutzen, das heißt sie auszunutzen.
Trotzdem meinte er, dass sich diese Art des Umgangs mit Menschen gar nicht vermeiden ließe, sie sollte nur nicht ausschließlich geschehen, weil sie die Würde des Menschen verletzt.
 
Das ethische Gebot der Achtung der Menschenwürde hat seinen rechtlichen Niederschlag nicht nur im Grundgesetz („Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ,Artikel 1, Absatz 1) und den jeweiligen Verfassungen anderer Länder gefunden, sondern auch in einer Fülle von internationalen Verträgen.
Selbst in der Präambel unseres Grundgesetzes wird die Würde des Menschen angesprochen, sie wird den Rechten des Menschen, die erst in Absatz 2 folgen, vorangestellt und als Grundlage bezeichnet.
 
Die Würde ist das Fundament einer zivilisierten Welt.
Aber was ist eigentlich Würde?
Der Ausdruck Würde bedeutet Wert. Ein Wert, der gesellschaftlich anerkannt und akzeptiert wird.
Würde verlangt Achtung.
Der Wortlaut des Artikels 1 sagt, die Würde des Menschen sei unantastbar.
Durch diese Konnotation wird dem Begriff der Würde des Menschen etwas Hohes zugeschrieben.
Jedem Menschen soll demnach mit Achtung begegnet werden.
Im Grundgesetz eines jeden demokratischen Staates wird davon augegegangen, dass er seinen Bürgern jede vertretbare Freiheit zugestehen darf, bis auf die eine, die seine Existenz in Frage stellt.
Seine Gesetze müssen Freiheit und Spielraum des Einzelnen schützen.
 
Der Menschenwürdebegriff des Grundgesetzes geht davon aus, dass jedes menschliche Wesen seine Würde unabhängig von irgendeinem Zweck in sich selbst trägt.
Dieser Standpunkt hat nur einen Sinn, wenn gewährleistet ist, dass Menschenwürde unteilbar ist, als unabhängig von Rasse, Alter, Geschlecht oder Gesundheitszustand.
Im Newsletter der „Aktion Lebensrecht für alle“ vom 20. Juni 2000 heißt es hierzu:
 
Auch ein Konzept, das dem Menschen Würde erst ab einem bestimmten Entwicklungsstadium zugesteht, wenn er bestimmte, noch nicht zu definierende Eigenschaften hat, wäre ein Sprengsatz, weil in der Definition immer eine Willkür liegt“.
Denn in der Folge käme schnell die Frage danach, was man mit Menschen tun sol,l die über diese für die Zuschreibung von Menschenwürde nötigen Eigenschaften nicht verfügen oder sie aufgrund einer Behinderung nie erlangen werden. Menschen, aber ohne Menschenwürde?“15
 
Zwar hat Kants Formel nicht an Aktualität verloren, dennoch stellte die Kommission für ethische Fragen in der Humangenetik neue Prinzipien zur Orientierung auf. Sie versuchte eine Basis zu finden, um mit dem derzeitigen Wissenszuwachs verantwortlich umzugehen und das Wohl des Einzelnen in den Mittelpunkt zu stellen.
 
Es sind allerdings nur Ableitungen der Selbstzweckformel. Mit Hilfe von Aufzählungen und Beispielen kommt hier noch einmal deutlicher zum Ausdruck, was diese Prinzipien genau fordern.
 
... „das übergeordnete, handlungsleitende Prinzip ist das Prinzip der Würde des einzelnen Menschen, insbesondere die Achtung vor der Würde und des Gefühls derjenigen Menschen, die von einer genetisch bedingten Erkrankung oder Behinderung betroffen sind. Aus diesem Prinzip leiten sich als weitere Grundprinzipien die Respektierung des Selbstbestimmungsrechts, die Respektierung des Gleichheitsgrundsatzes und der Vertraulichkeit ab.
Diese Prinzipien verdienen besondere Beachtung bei der Untersuchung von Erkrankungen und Behinderungen, bei denen Diskriminierung erfahrungsgemäß besonders leicht erfolgen, wie z.B. bei psychiatrischen Erkrankungen, geistigen Behinderungen oder solchen mit besonderen Auffälligkeiten im Aussehen oder Verhalten...“17
 
Dieser Formulierung liegt die Frage zu Grunde, ob wir in der Lage sind, über die Lebensqualität anderer zu urteilen.
Es gibt genügend Beispiele von Menschen mit angeborenen Defekten, die zwar bestimmte Hindernisse zu überwinden haben, aber trotz allem fähig sind, ein erfülltes und zufriedenes Leben zu führen.
Wenn wir die Lebensqualität einer Person als Kriterium für medizinische Entscheidungen heranziehen, so nur deshalb, weil in allen unseren Köpfen eine bestimmte Vorstellung existiert, was gut für die Menschheit ist.
Zwar variiert dieses Bild, das heißt jeder setzt unterschiedliche Schwerpunkte, hat verschiedene Kriterien, nach denen er sich richtet, doch befreien können wir uns von dem Ideal nicht.
 
Aussagen über die Lebensqualität können gefährlich sein, weil sie Maßstäbe anlegen, die auf diesen Vorstellungen basieren.
 
Aristoteles vertrat den Standpunkt, unser Leben sei in dem Maße gut, wie wir imstande seien, unsere natürlichen Begabungen zu entfalten.
 
Die Denker der Aufklärung veränderten den Blickwinkel. Das Streben nach Wissen galt ihnen als das höchste Ziel des Menschen.
Lebensqualität lag für sie in der Befriedigung des suchenden Geistes.
 
Aus Protest gegen die Verherrlichung des Intellekts suchten die Romantiker Erfüllung in der Entfaltung tiefer Gefühle.
Sie entflohen in Gedichten der Realität und träumten von fernen Ländern und der Liebe.
 
All diese unterschiedlichen Auffassungen von der Qualität menschlichen Lebens sind uns bis heute erhalten.
Würden wir sie allerdings zum Maßstab nehmen, würden wir uns rücksichtslos über die Vorstellung eines Einzelnen vom Wert seines Lebens hinwegsetzen.
 
Die Menschheit hat gelernt, dass es Fortschritt nur um den Preis neuer Probleme geben kann.
Tragen Wissenschaftler deshalb mehr Verantwortung?
Tragen sie ob der Tatsache, dass ihre Forschungsergebnisse die Welt in vielfältiger Weise verändern, eine besondere Verantwortung?
 
Bernd Olaf Küppers, Physiker und Philosoph meint, die ethische Verpflichtung des Wissenschaftlers bestehe darin, offen und ehrlich Forschungsergebnisse vorzulegen, also umfassend zu informieren, damit die Gesellschaft über die Auswertung und Nutzung sachgemäß entscheiden könne.8
 
Klaus Michael Mayer-Abich, ebenfalls Physiker und Philosoph, behauptet dagegen, dass der Versuch einer verantwortungsvollen Diskussion zu spät unternommen würde, wenn die Forschungsergebnisse bereits da seien.8
Immer wieder sei die Öffentlichkeit vor vollendete Tatsachen gestellt worden.
 
Die Atomphysik hat gezeigt, wie gefährlich es ist, ganz neue Techniken in die Welt zu setzen, ohne dass je vorher darüber diskutiert wurde, ob man ein solches Wissen überhaupt als förderlich für das Wohlergehen der Menschheit betrachten könne.
 
Ein Beispiel aus jüngster Zeit liefert dafür die Xenontransplantation, bei der genetische Manipulation und Entnahme tierischer Organe, zur Übertragung auf den Menschen stattfindet.
Das Forschungsinteresse gilt den Schweinen.
Hierbei wird man mit dem Problem starker Abstoßreaktionen von Seiten des Menschen konfrontiert.
Die Gentechnik soll nun die dafür verantwortlichen Gene verändern, so dass dies der Vergangenheit angehört. Allerdings sind die Kenntnisse auf dem Gebiet der Abwehrreaktionen noch sehr gering.
Pharmafirmen, wie Sandoz, jetzt zusammen mit Ciba zu Novartis verschmolzen, glaubten, auf diese Weise Meilensteine setzen zu können. Durch gezielte Züchtung sollte der Mangel an menschlichen Organen behoben werden.
Von wissenschaftlicher Seite wurde jetzt allerdings bekannt, dass über die verpflanzten Organe bislang unbekannte Viren übertragen werden können.
 
Dieser Vorgang beschreibt das Argument von Küppers: es ist Sache der Experten, erst einmal die Anwendungen neuer Techniken auszuloten, bevor die Öffentlichkeit überhaupt etwas hat, worüber sie entscheiden kann.
Man stelle sich die endlosen Debatten über die ethische Vertretbarkeit der Xenontransplantation vor, wenn die Forschung nicht soweit vorangetrieben worden wäre, dass aus wissenschaftlichen Gründen die Machbarkeit in Frage gestellt wurde.
 
Mayer-Abich würde antworten, dass an dieser Stelle deutlich wird, wie wichtig eine frühzeitige öffentliche Diskussion sei, um Wissenschaftler von einem Irrweg abzuhalten.
Denn die Kritik an der Xenontransplantation kam ja nicht aus den Labors der Pharmafirmen, sondern von unabhängigen Wissenschaftlern, die von den Forschungen erfahren hatten.
 
Auch das Beispiel der Kernspaltung könnte hier erwähnt werden.
Mayer-Abich würde in diesem Fall vermuten, dass Wissenschaftler wie Heisenberg oder Weizsäcker die Atombombe vorausgesehen haben oder hätten voraussehen müssen.
 
Küppers dagegen würde auf den Entdecker der Kernspaltung Otto Hahn verweisen, der nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima voller Entsetzen vor den für ihn unerwarteten Folgen seiner Forschungstätigkeit stand.
 
Beide haben auf ihre Weise Recht, aber ihrer Positionen gehen an der Realität vorbei. Gegenüber Mayer-Abich müsste man einwenden, dass aufwendige Genehmigungsverfahren die Forschung in den Ruin treiben würden.
So denkt er daran, dass jeder Wissenschaftler zehn Prozent seiner Zeit auf die Frage verwenden solle, wozu er was erforsche. Aber wie soll ein solcher Vorschlag in der Praxis aussehen?
Und gegen Küppers ließe sich einwenden, dass es wohl kein Forschungsvorhaben gibt, hinter dem nicht wenigstens gewisse Zielvorstellungen stehen. Es wäre falsch, davon auszugehen, Forscher hätten nicht einmal eine vage Vorstellung, was man mit ihren Ergebnissen vielleicht anfangen könnte.
 
Die Welt, in der wir leben, hat sich in den letzten hundert Jahren erheblich verändert und wird sich auch in den nächsten Jahrhunderten wahrscheinlich noch stärker verändern.
Aber wir können das Rad nicht mehr zurückdrehen, selbst wenn wir es wollten. Wissen und Technik lassen sich nicht einfach vergessen. Auch weitere Fortschritte in der Zukunft können wir nicht verhindern.
Selbst ein totalitärer Staat, der alles Neue unterdrückt, wäre dem menschlichen Erfindergeist nicht gewachsen. Er könnte das Tempo der Veränderung nicht stoppen, allenfalls verlangsamen.
 
Doch die Einsicht, dass wir Wissenschaft und Technik nicht daran hindern können, unsere Welt zu verändern, sollte uns nicht davon abhalten, die Veränderungen in die richtige Richtung zu lenken.
 
Das bedeutet, die Öffentlichkeit braucht wissenschaftliche Grundkenntnisse, um fundierte Entscheidungen zu treffen, die damit nicht ausschließlich Fachleuten überlassen werden.
 
Gegenwärtig hat die Öffentlichkeit eine recht ambivalente Einstellung zur Wissenschaft.
Während sie einerseits die ständige Verbesserung des Lebensstandards, den sie neuen Entwicklungen in Wissenschaft und Technik verdankt, als selbstverständlich hinnimmt, misstraut sie andererseits der Wissenschaft, weil sie sie nicht versteht.
 
Die Verantwortung gilt nicht nur dem Wissenschaftler, sondern der gesamten Gesellschaft, die sich bemühen sollte, Anteil an neuen Entdeckungen zu nehmen.
 
 
Subjektive Beurteilung
  
Die Schnelllebigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts, der die Gesellschaft in einem Tempo verändert, mit dem die ethische Reflexion längst nicht mehr Schritt halten zu können scheint, löst massive Verunsicherung aus.
 
Welche Gefahren werden aber heraufbeschworen, wenn wir in Zukunft den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt zurückstellen oder versuchen ihn zu unterlassen?
Ich denke, es geht nicht darum, ob es ein Risiko gibt, sondern welches Risiko größer ist: das zu handeln, oder das nicht zu handeln.
Die Folgen muss in jedem Fall eine andere Generation tragen.
 
Eine absolut risikofreie Zukunft wird es niemals geben. Es wäre eine Illusion zu glauben, das die Menschheit risikofrei dahinleben könne.
Die Wissenschaft kann dies nicht vorhersagen, obwohl wir Gleichungen kennen, die unser Handeln bestimmen.
Die Wissenschaft kann nicht vorhersagen, wie sich die menschliche Gesellschaft zukünftig entwickeln wird oder ob sie überhaupt eine Zukunft hat.
 
Die Gefahr liegt darin, dass unsere Fähigkeit, die Umwelt zu zerstören oder uns gegenseitig zu vernichten, sehr viel rascher wächst, als die Vernunft im Umgang mit dieser Fähigkeit.
 
Ich bin der Ansicht, dass die Forscher, die tatsächlich für Fortschritte in der Biologie oder Physik sorgen, nicht in den Kategorien denken, die Philosophen aufstellen. Dies führt zu der oft beklagten Kluft zwischen Natur – und Geisteswissenschaften.
Einstein oder Heisenberg haben sich bestimmt nicht darum gekümmert, ob sie Realisten oder Instrumentalisten waren.
Ich glaube ebenfalls nicht, dass Einstein oder irgend jemand sonst 1905 begriffen hat, wie einfach die neue Relativitätstheorie war. Sie hat bestehende Vorstellungen von Raum und Zeit verändert. Wie dieses Beispiel zeigt, ist es in der Wissenschaft schwierig, Realist zu sein.
 
Die Gentechnik gibt uns immer noch ein Rätsel auf, aber Fortschritte, die wir besonders in den letzten Jahren erzielt haben, sollten uns in der Überzeugung bestärken, dass ein vollständiges Verständnis im Bereich unserer Möglichkeiten liegt.
Vieles spricht dafür, dass wir nicht dazu verurteilt sind, auf ewig im Dunkeln zu tappen.
Es ist möglich, dass uns eines Tages der Durchbruch zu einer kompletten Theorie der Genetik gelingt.
 
Was persönliche und gesellschaftlich Moral im Fall der Gentechnik bedeutet, darüber muss auch in Zukunft weiter diskutiert werden.
  
 
 
  
Bibliographie
 
  
In diesen Büchern habe ich einzelne Kapitel gelesen, die allerdings dem Vorankommen  meiner Arbeit nicht dienten.
 
 
Böhme, Gernot: Ethik im Kontext, Frankfurt am Main, 1997
Cernaj, Ingeborg und Cernaj Josef: Am Anfang war Dolly, München, 1997
Flöhl, Rainer und Ritter, Henning: Wissenschaftsjahrbuch 1998, Frankfurt am Main und Leipzig, 1998
Hawking, Stephen W.: Einsteins Traum, Reinbek bei Hamburg, 1994
Höffe, Otfried: Lexikon der Ethik, München, 1992
Kerner, Charlotte: Blueprint – Blaupause, Weinheim und Basel, 1999
Müller, Helmut A.: Naturwissenschaft und Glaube, München, 1993
Schweitzer, Albert: Wie wir überleben können, Freiburg im Breisgau, 1994
Stiegler, Gabor: Stichwort Klonen, München, 1997 
 
Durch Recherchen bin ich auf folgende Bücher gestoßen, von denen ich jedoch nicht den Inhalt kenne. 
 
Bräunig, Lisa / Büttner – Badum, Eva / Weber, Jutta: Tatort Leben: Ethik für berufliche Schulen, Hamburg, 1997
Ditfurth, Hoimar von: Mannheimer Forum, Mannheim, 1982
Eccles, John C. und Robinson, Daniel N.: Das Wunder des Menschseins, München 1991
Friedlander, Henry: Von der Euthanasie zur Endlösung, Berlin, 1997
Fischer, Ernst Peter: Einstein & Co., München 1997
Koch, Claus: Das Ende der Natürlichkeit – Eine Streitschrift zur Biotechnik und Bio Moral, München, 1997
Koyre, Alexander: Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum, Frankfurt am Main, 1969
Kuhn, Thomas: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution, Frankfurt am Main, 1997
Pearce, Joseph Chilton: Der nächste Schritt der Menschheit, Freiamt, 1997
Plessner, Helmuth: Die Grenzen der Gemeinschaft, Bonn, 1924
Sagan, Carl und Druyan Ann: Schöpfung auf Raten, München, 1993
Schlieben – Troschke, Karin: Psychologie der Zwillingspersönlichkeit, Köln, 1981
Sheldrake, Rupert: Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten, Bern, München, Wien 1994
Stegmüller, Wolfgang: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, Stuttgart, 1979
Trus, Armin: „Vom Leid erlösen.“ Zur Geschichte der nationalsozialistischen „Euthanasie“ – Verbrechen, Frankfurt am Main, 1995
 

Fußnoten

1 Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze, München, 1975, S. 228
2 Steinvorth, Ulrich: Kritik der Kritik des Klonens (aus: „Hello Dolly“,S.97), Frankfurt am Main, 1998
3 Focus: Die Klone kommen (Nr.8, S.156-159, 19.Februar 2001)
4 Focus: Die Klone kommen (Nr.8, S.163, 19.Februar 2001)
5 Duden: Das Lexikon der Allgemeinbildung, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich, 1998, S. 133
6 http://bidok.uibk.ac.at/texte/mabuse-romey-asylierung.html
7 Paulsen, Holger: Technik, Wissenschaft und Verantwortung, Leipzig, 1997, S. 92
4 Bartens, Werner: Die Tyrannei der Gene, München, 1999, S. 204
8 Wehowsky, Stephan: Über Verantwortung, München,1999, S. 7
9 Richardson, Matthew: Das populäre Lexikon der ersten Male, Frankfurt am Main, 2000, S. 240
10 Weizsäcker, Carl Friedrich von : Die Sterne sind glühende Gaskugeln und Gott ist gegenwärtig, Freiburg, Basel, Wien, 1992, S. 172 und S. 174
11 Lorenz, Konrad: Der Abbau des Menschlichen, München, 1986, S. 20
1 Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze, München, 1975, S. 234
12 persönliche E-Mail von Regine Kollek (23. Februar 2001)
13 Deutsches Ärzteblatt, Jg.98, Heft 10,S.20, 9. März 2001
14 aus: Sänger, Monika: Abiturwissen Praktische Philosophie und Ethik, Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig, 1998, S. 127
15 www.alfa-ev.de/bzga
17 http://gfhev.de/kommission
8 Wehowsky, Stephan: Über Verantwortung, München, 1999, S. 103-106
 
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